Y o g a. | ![]() |
Schon seit Jahren trage ich mich mit der Absicht, die Kenntnisse und
Erfahrungen, die ich mir im Verlaufe eines langen und sorgfältigen
Studiums dieses Gegenstandes gesammelt habe, zu veröffentlichen; aber
einerseits wurde ich durch Ueberbürdung mit anderen Arbeiten vom
Schreibtische ferngehalten, andererseits zögerte ich mit einem Thema
vor die Oeffentlichkeit zu treten, welches nur zu sehr dazu angethan
ist das Schicksal des "Mesmerismus" zu teilen.
Da sich aber nun, durch die Anwesenheit und Bereitwilligkeit des Mr.
Bheema Sena Pratapa aus Lahore die Gelegenheit bietet, dasjenige
demonstrativ vorführen zu können, was über die im Abendlande nur sehr
wenig gekannte Yogalehre gesagt werden, und was, ohne unserem
wissenschaftlichen Gewissen Gewalt anzuthun, auch geglaubt werden kann,
so halte ich den Augenblick für günstig, um zu sagen, was ich schon
seit Jahren gerne sagen möchte.
Ich werde mich bemühen, so kurz als möglich zu sein, und so wenig als
möglich von der philosophischen Seite dieses Themas zu berühren.
Hallein bei Salzburg, 29. Juli 1896.
Dr. C. K.
Die über diesen Gegenstand zur allgemeinen Kenntnis gelangten
Mitteilungen sind so spärlich in deutscher Sprache erschienen, dass ich
die Beantwortung der vorstehenden Frage für viele meiner geehrten Leser
nicht für überflüssig halte.
"Yoga" ist ein Sanskritwort und bedeutet: "Vereinigung".
Die indische Philosophie strebt nämlich bekanntlich die Erlösung von
Reincarnationen als summum bonum an.
Dieser Zweck kann nach den Lehren der Veden und Upanishaden dadurch.
erreicht werden, dass durch logische Schlussfolgerungen die Täuschungen
unseres Daseins, und dadurch auch die Gesetze des wahren Seins erkannt
werden, oder aber dass durch gewisse Uebungen in Verbindung mit einem
nach gewissen Regeln geführten Leben, das illusive Ichbewusstsein
(Ahankara) verschwindet, und eine Vereinigung mit dem allgemeinen
Weltbewusstsein (Atma) erreich werden kann.
Die erstere dieser Lehren ist die "Sankhia-", die letztere die
"Yoga-Lehre".
Die Yogalehre ist so alt wie Veden selbst, denn Patanjali, den man
gewöhnlich den Vater der Yogalehre nennt, ist nicht der Entdecker
dieses Systems, sondern er hat dasselbe in seinen Yoga-"Sutras" nur in
eine konkrete Form gebracht.
Die Yoga-Uebungen sind zumeist in den Upanishaden der Atliarva Veda
beschrieben, bilden aber den Gegenstand zahlreicher in Indien
verbreiteter Schriften von denen Mr. Rayendralà Mitra in seiner
englischen Uebersetzung der Yoga-Sutras des Patanjali (Kalkutta bei
J.W. Thomas 1883.) ein sehr wertvolles Verzeichnis gibt.
Nachdem die Yogalehre die praktische Seite jedes Religionssystemes in
sich schliesst, so finden wir auch in allen "heiligen" Büchern,
Anleitungen zu Yogaübungen und z.B. im Dabistan und im Koran, neben dem
Bhakti auch noch das Hatha-Yoga vertreten. Ebenso finden wir in den
Ueberlieferungen und Symbolen gewisser geheimer Gesellschaften
verdecktes Yoga.
Es liesse sich daher über den historischen Teil der Yogalehre so viel
sagen, dass der Raum und die Uebersichtlichkeit in diesen, ja mehr für
einen speziellen Zweck bestimmten Zeilen weit überschritten werden
müsste, und behalte ich mir daher dieses Thema für eine ausführlichere
Arbeit, die ich bereits unter den Händen habe, vor.
Erwähnen muss ich nur noch, dass unter den christlichen Mystikern
Jakob Boehme in seinem Gespräch des Meisters mit dem Schüler, und der
unter dem Pseudonym Kerning in den fünfziger Jahren auf diesem Gebiete
literarisch thätig gewesene J. Krebs das Beste über Yogaübungen in
deutscher Sprache geschrieben haben, allerdings in einer Form, die
nicht nach jedermanns Geschmack ist.
Das ausführlichste Werk in englischer Uebersetzung ist die dadurch auch
dem Nichtsanskritisten zugängliche Hatha Yoga Pratipika.
Ebenso sind einige Tantras und Puranas, erwähnenswert, obgleich alle
diese Bücher sozusagen nichts enthalten, was nach dem heutigen Stande
unseres Wissens für den abendländischen Forscher mehr von Wert wäre,
und die an der Stirne dieses Abschnittes stehende Frage: "Was ist
Yoga?" besser beantwortete als Patanjalis Schriften auf die ich daher
allein verweisen möchte, weil sie das Wesen der Yogalehre in das
geordnetste System gebracht haben.
Patanjali sagt: "Yoga ist die Unterdrückung der Veränderunen des
Denkprinzipes".
Er nimmt nämlich an, dass das: "Denkprinzip die Eigenschaften
desjenigen Subjektes annimmt, mit welchem es sich beschäftigt. Wenn
sich dieses Denkprinzip daher nur mit dem einen Objekt beschäftigt, auf
welches die betreffende Yogaübung es richtet, und wenn es infolge
dieser Uebung verhindert wird, sich zu verändern, so vereinigt es sich
damit und diese Vereinigung ist Yoga (weil den indischen Uebungen
zumeist religiöse Subjekte als Grundlage dienen).
Entkleiden wir daher diesen Fundamentalsatz Patanjali's seines
indischen Charakters und setzen wir statt seinem "Chitta" (Denkprinzip)
das Wort; "Aufmerksamkeit" im Sinne der Libeaultschen Anschauung, so
haben wir die schönste Erklärung zur Herbeiführung des Zustandes der
"Autosugestion" oder besser gesagt der "Autohypnose" vor uns.
Thatsächlich sind nun auch die zur Erreichung von Yoga angegebenen
Mittel und Verfahren genau diejenigen, welche zur Herbeiführung der
hypnotischen Zustände geeignet sind, wie wir im nächsten Abschnitt
sogleich sehen werden. Auch Yoga unterscheidet verschiedene Zustande
gleich dem Hypnotismus oder künstlichen Somnambulismus und zwar
Dharana, Dhiana und Samadhi, welche den uns bekannten Stufen des
Somnambulismus von der Somnolenz aufnärts ziemlich entsprechen, während
der Zustand des Pratyahara an diejenigen Erscheinungen erinnert, die
wir durch Beeinflussung der Sinneswahrnehmungen an Hypnotisierten
hervorbringen.
Wir können daher auf "abendländisch" sagen: Yoga ist die durch
andauernde Uebung, und geeignete Lebensweise erlangte Befähigung zur
willkürlichen Selbsthervorrufung aller Erscheinungen des
Somnambulismus.
Ueber die verschiedenen Arten von Yoga im nächsten Abschnitt.
Je nach der Art, der zur Erreichung von Yoga angewandten Verfahren
unterscheidet man verschiedene Arten von Yoga und zwar sind die
erwähnenswertesten:
Mantra-Yoga besteht in der lange Zeit fortgesetzten Wiederholung eines
Satzes ("Mantram." meist den Vedabüchern entnommen) oder auch nur eines
Wortes (zumeist das pranava: die mystische Silbe: AUM (siehe Mandukya
Upanishad).
Hatha-Yoga besteht in einer in ein System gebrachten Regelung des
Atems.
Die alten Inder stellten näimlich den Satz auf, dass das Denkprinzip in
einer gewissen Verbindung mit dem Atem steht und dass daher durch
willkürliche Regelung desselben auch das Denkprinzip stille gehalten
werden kann "wie die Flamme einer Lampe, die an einem Orte brennt, der
vor dem leisesten Luftzug geschützt ist" heisst es in der Bhagavat
Ghita.
Bekanntlich verlangsamen wir ja unser Atmen oder stellen dasselbe
unbewusst ganz ein, sowie wir unsere Aufmerksamkeit an einen Punkt
konzentrieren. Rechnet man zu dieseme also uns angeborenen und auf die
Herzthätigkeit zurückzuführenden Verfahren zur Verdichtung unserer
Aufmerksamkeit den Umstand hinzu, dass wir durch das willkürliche
Regulieren unserer Atmung auch gleichzeitig einen willkürlichen
Einfluss auf die der Atmung vorstehende Partie des Zentralorganes
nehmen und dass wir dabei auch unser Blut mit Kohlensäure anreichern,
so ist es wohl klar dass die Hatha Yoga Praktiken über die souveränsten
hypnogenen Mittel verfügen und dass dieselben daher auch zur
Herbeiführung des Yogazustandes die einfachsten und am raschesten zum
Ziele führenden sind.
Selbstverständlich ist die Sache aber unter Umständen sehr gefährlich
und soll deshalb niemals ohne Anleitung eines erfahrenen Führers
("Guru" nennen ihn die Inder), versucht werden.
Die Yogabücher und Manuskripte geben mitunter die wahnwitzigsten
Anleitungen. Diese sind natürlich nur allegorisch gemeint und sehr
selten buchstäblich zu nehmen.
Ja die Bezeichnung: "Hatha-Yoga" ist schon so eine verblümte Geschichte
und zwar bedeutet "Ha" den Mond und "Tha" die Sonne; der durch das
rechte Nasenloch eingezogene Atem heisst in der indischen Geheimlehre
"Surya-Swara" oder für gewöhnlich "Pingala", d.h. der Sonnenatem,
wohingegen der durch das linke Nasenloch eingezogene "Ida" oder der
Mondatem, genannt wird. Durch Vereinigung dieser Beiden: "auf der Insel
zwischen dem Ganges und dem Jamura", das ist zwischen den Augenbrauen
(!) entsteht die Erlösung das heisst Yoga. Der geehrte Leser wird sich
jetzt vielleicht einen schwachen Begriff von der Schwierigkeit machen
können, welche diese obscure Schreibweise dem Studium der Yogalehre aus
Büchern entgegensetzt, zumal wenn ich nun noch hinzufüge, dass man in
der Yogaschule zehn verschiedene Arten von (siehe unten) kennt von
denen die wichtigsten (Vayus) Prana und Apana sind; der erstere steigt
abwärts, der zweite aufwärts und die Vereinigung in der Gegend des
Nabels ist auch "Hatha", d.h. die Vereinigung der Sonne mit dem Mond!
Aber unser Ich-bewusstsein (Ahankara oder in einem anderen Aspect
Jiva), ist eine Wiederspiegelung des allgemeinen Weltbewusstseins
(Atma), die Vereinigung von Jiva mit Atma ist ebenfalls die Vereinigung
der Sonne mit dem Mond.
Wie gefährlich es wäre, eine solche Uebung nach den in den
Yogaschriften angegebenen Vorschriften anzustellen, mag nun wohl jedem
einleuchten und möge dieses Beispiel, dem ich noch eine Reihe anderer
anfügen könnte, den allzubegierigen Forschern zur Warnung dienen.
Die Fälle in denen die Yogaschüler in Indien ihre Bestrebungen mit dem
Leben oder mit unheilbaren Krankheiten büssen, sind leider zahlreich,
doch beurteilt man solche Fälle dort vom orientalischen Standpunkt und
ist auch überzeugt, dass das betreffende Opfer nun eine recht gute
nächste Incarnation erlangen wird, daher eher zu beneiden als zu
beklagen ist. (Eine Geschmacksrichtung, welcher vielleicht nicht jeder
meiner geehrten Leser huldigen dürfte!)
Ich werde später noch näher auf die Hatha-Yoga-Praktiken zurückkommen
und um die Einheit nicht zu stören, jetzt noch früher in skizzenhafter
Kürze die übrigen, Yoga-Systeme streifen.
Bhakti-Yoga ist das Yoga der Devotion und wird so recht eigentlich in
unseren Religionsübungen betrieben. (heisst sollte betrieben werden!)
Selbstredend verstehen die Inder unter Devotion eine vollständige und
feurige Hingebung ("von ganzem Herzen und von ganzer Seele"), wozu die
heissblütige Veranlagung dieses südlichen Volkes auch vorzüglich
geeignet ist. In. der Gheranda Sanhita heisst es z.B.: "Lasset ihn
seine Gottheit im Herzen betrachten" lasset ihn sein voll von
Verzückung bei solcher Betrachtung, lasset ihn vergiessen Thränen der
Glückseligkeit und dadurch dass er so thut wird er verzückt. Dies führt
zu Samadhi und Manomani" u.s.w.
Laja-Yoga besteht in der Verdichtung der Aufmerksamkeit auf irgend
einen Gefühlsvorgang oder in der willkürlich hervorgerufenen und
festgehaltenen Vorstellung einer Sinneswahrnehmung an oder in einem
beliebigen Teil des Körpers, hiezu gehört auch das sogenannte:
Nada-Yoga, wobei die Aufmerksamkeit (das Denkprinzip) an die Laute
geheftet wird, welche während der Uebung im Ohr erklingen.
Aehnlich sind die Praktiken des Amanaska-Yoga, sowie des Rasananda-Yoga
etc.
Die eigentliche Krone des Yoga ist und bleibt aber das Raja-Yoga und
die anderen Yoga-Systeme dienen eigentlich mehr oder weniger nur dazu
um, das Raja-Yoga leichter erreichbar zu machen.
Das Raja-Yoga besteht in der direkten Vereinigung von Manas (also
wörtlich übersetzt der Seele) mit Atma. Mit anderen Wort in der
Vereinigung des Einzelbewusstseins mit dem Allbewusstsein.
Es ist begreiflich, dass durch das Aufgeben der Individualität der
somnambule Zustand (Samadhi) eintritt, aber ist auch klar, dass dieser
Weg der schwierigste ist. Nachdem aber das Samadhi seine
Unterabteilungen hat, von denen die hauptsächlichsten Samprajnata, d.h.
bewusstes und Asamprajnata Samadhi d.h. unter Aufhörung des
Bewusstseins sind, so ist es, nach unserer Ansicht klar, das Raja-Yoga
sozusagen die Suggestion zu dem selbstinduzierten somnambulen Zustand
liefert, welcher dann, da das suggerierte Objekt. ein erhabenes
heiliges ist, von unaussprechlichem Glücksgefühl begleitet ist.
Nachdem ich meine Leser nun im Fluge mit dem Wesen der verschiedenen
Yoga-Systeme bekannt gemacht habe, will ich noch einmal zum Hatha-Yoga
zurückkehren, weil es für uns, vom rein physiologischen Standpunkte aus
das meiste Interesse bietet.
Alle Yogaarten erkennen acht Unterabteilungen und darum nennt man das
Yoga auch den noblen achtfachen Pfad (siehe das prachtvolle Gedicht von
Edwin Arnold: "Die Leuchte Asiens" deutsche Uebersetzung in Reclams 9
Universalbibliothek Nr. 2941, 2942). Diese Unterabteilungen teilen sich
wieder ein in die ersten fünf, welche man das äusserliche Yoga nennt
und in die letzten drei, die man unter der Bezeichnung "Samyama"
zusammenfasst und die das eigentliche oder innerliche Yoga ausmachen.
Die ersten drei sind:
1. Yama, bestehend in Mässigung, Nachsicht, Zufriedenheit,
Aufrichtigkeit, Ehrenhaftigkeit u.s.w. Es ist einleuchtend, dass
dadurch ein Gemütszustand geschaffen wird, der die innere Ruhe, die ja
in allererster Linie zur Herbeiführung des Yoga notwendig ist,
ermöglicht.
Die diesbezüglichen religiösen Vorschriften haben also, wie man sieht,
nicht nur einen ethischen, sondern noch einen rein psychologischen
Zweck.
Patanjali sagt in seinen Yoga-Aphorismen Cpt. 1. Sloka 36. "Oder der
sorglose Zustand des Gemütes voll von Licht wird zum Samadhi führen."
2. Niyama, bestehend in der Befolgung der Vorschriften derjenigen
Religionsform, welcher der Yogi angehört, der Reinigung des inneren und
äusseren Menschen, Enthaltsamkeit (ohne jedoch in eine übertriebene
Askese zu verfallen, denn beim Yogi gilt der Satz "mens sana in corpore
sano" in allererster Linie, der Yogi braucht einen starken und in allen
Teilen ganz gesunden Körper, er muss jedoch die vollständigste
Herrschaft über denselben besitzen und gerade diese Herrschaft, die
sich in einer ganz unglaublichen Weise entwickelt, und deren Erlangung
ein grosser Teil von vorbereitenden Uebungen gewidmet ist, sichert dem
Yogi seine Stärke und Gesundheit).
Vairagya was ich mit "Verlanglosigkeit" übersetzen möchte, ist
einer der Hauptschlüssel zur Pforte des Yoga. Patanjali sagt: "Das
Bewusstsein von jemand, der jeden Wunsch bemeistert hat und weder nach
wahrnehmbaren, noch nach schriftlichen Dingen dürstet ist Vairagya".
Wie beim Yama so zielen auch beim Nyama alle Vorschriften auf die
Erlangung eines inneren Friedens ab, der natürlich das Eintreten
der Yogazustände nicht nur erleichtert, sondern für die höheren
Stufen derselben geradezu unumgänglich ist.
In das Capitel des Niyama gehört auch "Japa", das ist unhörbares
Aussprechen eines Mantrams (heiligen Satzes oder Wortes) und anhaltende
Ergebung in Iswara.
"Iswara ist eine eigene Seele unberührt durch Betrübnis, Werke, Früchte
(Resultate) und Eindrücke" sagt Patanjali.
Da die Sankhialehre, zu welcher die Yogalehre eine Vervollständigung
bildet, keinen Iswara annimmt, während Patanjali einen solchen für die
Zwecke der Yoga-Praktiken und zwar zur leichteren Medidation aufstellt,
so hat seine Philosophie die Bezeichnung "Sesvarasankhya" erhalten.
Wie man sieht, bilden nun schon Teile von Mantra und vom Bhaktiyoga das
Niyama.
3. Asana. Die Stellung. Es ist klar, dass wir eine Stellung einnehmen
müssen, die mit unseren inneren Vorgängen in Einklang steht, wenn wir
eine innere Konzentration vornehmen wollen.
Der Schauspieler, der
einen Helden vorzustellen hat, wird auch anders einherschreiten als
wenn er einen leichtsinnigen Lebemann gibt.
Ebenso ist ja der
Wechsel unserer Körperstellung bei Gemütsbewegungen bekannt. Der Yogi
sucht nun von aussen nach innen zu wirken und passt gleich seine
Stellung demjenigen Zustand im Vorhinein an, in den er sein Gemüte
versetzen will.
Es gibt aber eine Menge von Stellungen, welche eine Einflussnahme auf
den Pfortaderkreislauf abzielen, die wir Abendländer, die schon nicht
eimal wie die Orienialen sitzen können, beinahe unmöglich auszuführen
vermögen.
Die Asanas sollen noch auf die Zirkulation in den unteren Extremitäten
sowie auf den Geschlechtstrieb Einfluss nehmen und ein Training für die
Willenskraft abgeben.
Die knieende Stellung der christlichen Kirchen bildet ebenfalls eine in
den alten Yogaschriften lange vor. Einführung des Christentums
beschriebene Asana ("Vajrasana").
Ich habe hier die genaue Beschreibung von 32 Asanas vor mir liegen, da
dieselben aber ja doch nur von den sogenannte Schlangenmenschen unserer
Zirkuse oder Variété-Theater ausgeführt werden könnten, so will ich
deren Veröffentlichung in deutscher Sprache für das eingangs erwähnte
umfangreichere Werk über Yoga, das ich in Arbeit habe, aufbehalten, als
Beispiel will ich nur die so häufig erwähnte Padmasana
(Lotus-Stellung), beschreiben: Lege den rechten Fuss auf den linken
Schenkel und in gleicher Weise den linken Fuss auf den rechten
Schenkel, kreuze auch die Hände hinter dem Rücken und erfasse und halte
die grossen Zehen der so gekreuzten Füsse. Drücke das Kinn auf die
Brust und fixiere den Blick auf die Nasenspitze (!). Der weise
Patanjali sagt jedoch in Kapitel 2 Sloka 4. "Stellung ist die, welche
fest und angenehm ist." Wir Abendländer werden uns daher wahrscheinlich
nicht in die Padmasana setzen!
4. Pranayama. Die Regelung des Atmens. Das Wort "Prana" ist synonym mit
Atem und mit Leben. Ich habe bereits einige Wirkungen der willkürlichen
Atemregelung erwähnt, es wäre aber über diesen Gegenstand so vieles und
so interessantes zu sagen, dass ich hier mich des beschränkten Raumes
wegen gar nicht auf weitere Ausführungen einlassen will und von den
zahlreichen Methoden des Pranayama nur eine als Beispiel anführe. Die
technische Bezeichnung für das Einatmen ist: "puraka", die Ausatmung
wird "rechaka" und das Einhalten des Atems "kumbhaka" genannt.
Diese drei Funktionen zusammen bilden ein pranayama.
Auch unsere abendländischen Mystiker kannten den Zusammenhang des
Atmens mit dem Denken, so sagt z.B. Swedenborg: "Wenn wir einen langen
Gedanken denken, so ziehen wir einen langen Atem ein, wenn wir rasch
denken, so vibriert unser Atem in rapider Aufeinanderfolge, wenn der
Sturm des Aergers eines Mannes Gemüt erschüttert, so ist sein Atmen
stürmisch und wenn seine Seele tief und ruhig ist, so ist seine Atmung
ebenso. Lassen wir nun jemand das Gegenteil versuchen, d.h. er möge in
langen Zügen denken und dabei kurz oder rasch atmen, und er wird
finden, dass dies unmöglich ist." Und Srischandra Basu fügt hinzu: "Das
Denkprinzip ist mit einer Gasflamme vergleichbar, der das Gas unter
stetig wechselndem Druck zugeführt wird. Das Blut, welches. das Herz
dem Gehirn zusendet, ist das Gas, welches die Flamme des Gemütes
erhält, und im Verhältnis der verschiedenen Leidenschaften und Gefühle
ist die Zufuhr des Blutes zum Gehirn nicht immer gleichmässig und daher
zittert und flackert der Gedanke und bildet ein ungleichmässiges Licht.
Deshalb übt der Yogi Pranayama und sendet einen gleichmassigen Strom
Blut in sein Gehirn und versucht die Flamme immer stetig zu halten."
Doch nun zum praktischen Beispiel.
Die am meisten geübten Kumbhakas sind acht und zwar: Sahita,
Surya-bheda, Ujjavi, S'îtali, Bhastrikâ, Bhrâmari, Murcha und Kavali.
Zur Ausführung des Sahita schliesst man, in einer passenden Asana
sitzend, mit dem Daumen der rechten Hand das rechte Nasenloch und
inhaliert langsam durch das linke, indem man 7mal das Wort "Om"
wiederholt, dann schliesst man beide Nasenlöcher und haltet den Atem so
lange an (Kumbhaka), dass man diese Mantram (oder ein anderes z.B., Om.
tat, sat) 14 mal wiederholen kann, und dann atmet man langsam durch das
linke Nasenloch aus und wiederholt dabei in Gedanken 14mal das Mantram.
Hierauf atmet man durch das linke Nasenloch ein (puraka) u.s.f.
Man soll nach und nach diese Uebung öfter und öfter wiederholen, bis
man die Zahl der pranayamas auf 80 gebracht hat.
Dieser Prozess verursacht in den untersten Stufen Perspiration, in den
mittleren Stufen Zittern und den höheren Stufen "Levitation" (!?) Die
Diät (Milch und vegetabilische Nahrung, keine aufregenden Speisen) ist
im Anfange strenge einzuhalten, im vorgeschrittenen Stadium aber sind
diese diätischen Regeln nicht mehr notwendig.
Die Hatha Pradipika sagt:
Der Atem muss langsam und stufenweise bemeistert werden, geradeso wie
Tiger, Bären und andere wilde "Tiere gezähmt werden, weil sonst der
übereifrige Student sicherlich zu Schaden kommt. Richtiges pranayama
heilt alle Krankheiten, unrichtiges ruft sie hervor."
"Wenn die Nadis (Nervenzentren) geklärt sind, wird der Körper
geschmeidig und schön, die Verdauung wird gesteigert, Gesundheit
erscheint und bleibt, die Regelung des Atems kann ohne Anstrengung
vollzogen werden, und die Nadis (inneren Laute) werden innerlich hörbar."
Eine andere Methode (Habus-i-dam), die von den persischen Yogis (und
Sufis) betrieben wird, ist folgende:
Man atmet langsam ein und wiederholt das Wort "nest" bis die Lungen
angefüllt sind, dann neigt man den Kopf auf die rechte Brust und
recitiert das Wort "Hasti", atmet aus und hebt den Kopf, macht eine
tiefe Einatmung, indem man das Wort "magar" sagt, und dann "yezdan"
murmelt, indem man den Kopf auf die linke Seite neigt und ausatmet. Es
werden keine Pausen gemacht. Die Formel ist: "nest hasti magar yezdan"
(es ist kein Sein ausser Gott).
Wie man sieht, ist hier kein Kumbhaka und die Leute verkürzen die Zeit
von Ein- und Ausatmung immermehr, - so dass sich die Sache ganz
unheimlich ansieht - und sie nach wenigen Minuten bewusstlos hinfallen.
Es scheint dies eine in mohamedanische Kreise gedrungene, aber falsch
aufgefasste Kenntnis des "Bhâstrika" - Kumbhaka zu sein.
Man atmet dabei nämlich langsam und tief durch beide Nasenlöcher ein
und sehr rasch aus (wie ein Blasbalg, daher auch die Bezeichnung);
nachdem man dies ca. 20mal wiederholt hat, macht man Kumbhaka. (Apnoe.)
Diese wenigen Andeutungen werden vorderhand genügen um zu zeigen, was
der Hatha Yogi bezweckt.
Interessant sind die altindischen phisiologischen Bezeichnungen für die
Vayus und die Nadis.
Es gibt 10 Vayus und zwar
Zum inneren Körper gehörend:
Nach dem Gesagten kommen wir, den philosophischen Standpunkt vernachlässigend, zu folgenden Resultaten:
© Archive P.R. König
Courtesy Sigrid Plutzar
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