Ordo Templi Orientis - McDonaldisierung der Okkultur





Ordo Templi Orientis

McDonaldisierung der Okkultur



Peter-R. Koenig
release 2.3




a) Was ist "McDonaldisierung"?

Unter McDonaldisation verstehe ich die Betonung auf zählbare und quantitativ bestimmbare Elemente. Quantität wird in diesem Zusammenhang zu einem sich selber bestimmenden Masstab für Qualität und gibt letztendlich keinen Hinweis oder Zugang mehr zu einer solchen. Unter McDonaldisation verstehe ich ausserdem ein stabiles System von Symbolen, das langanhaltende Stimmungen erzeugen will; das Ordnung und Faktizität vortäuscht, um realistisch zu erscheinen. Dies ist, was der PRODUZENT von "McDonaldisation" erwartet.

Der angestrebte "Zustand" der McDonaldisation setzt sich zusammen aus: einer immer weiter wachsenden Effizienz und Rationalität à la Fastfoodkette McDonalds, der Voraussehbarkeit der Produkte und deren Beständigkeit (in Grösse, Anzahl, Umfang, Geschmack, etc) und dadurch Kontrollierbarkeit. Ein Beispiel sind die Effizienzsteigerungsmechanismen im deutschsprachigen Raum im Post- und Gesundheitswesen, wo die "Standard of Performance"-Werte, z.B. vorgeschriebene 1,71 Sekunden für den Einwurf eines einfachen Briefes, immer mehr durchgesetzt werden. Ähnlich herrscht im Okkultismus seit jeher die seltsame Sehnsucht nach Wissenschaftlichkeit und minutiös vorgeschriebenen Szenarien, als drohe all das, was sich nicht in Form von Ziffern, Codes und tradierten Symbolen ausdrücken lässt, aus der Realität zu verschwinden.

Was erwartet nun der KONSUMENT vom Prozess der McDonaldisierung? Schnell, überall und auf einfache Art und Weise an ein verhältnissmässig durchschnittliches Produkt mit einem typischen und allseits bekannten Geschmack zu kommen. Eine wichtige Eigencharakteristik bestimmt dieses Produkt: mit seinem Angebot immer schon präsent zu sein, ohne dass Vorbereitung und spezifische Aktivitität für die Nutzung zu nahezu jeder beliebigen Zeit erforderlich wären: Immer da zu sein. Hier sieht sich die Gesellschaft mit Interpretationen konfrontiert, die Marktmanager, Marktpolitiker und Marktwissenschaftler sich von menschlichen Beziehungen und Seinsweisen machen, um sie zu verdinglichen und damit konsumier- und kommerzialisierbar machen zu können. Information unterliegt den Kapitalverwertungs- und Absatzinteressen.

All diese Eigenschaften/Mechanismen können im 1977 gegründeten amerikanischen O.T.O. (auch bekannt als "Caliphat") gefunden werden. Wie die McDonaldisierung selber, breitete diese junge O.T.O.-Gruppe zunächst ihren Wirkungskreis von den (nicht nur geographischen) Dörfern über die Vorstädte in die Grosstädte aus und blüht nun, ganz zeitgeistgemäss, auch im Cyberspace. Ihre Filialen heissen "Gnostisch Katholische Kirche", "Mysteria Mystica Maxima", "The Esoteric Rosicrucians", "The Home of the Order of the Oriental Templars", "Hermetic Science College" und "Translator's Guild". Manchmal versucht die Zentrale sich auch von anderen Organisationen wohlklingende Namen auszuleihen: "Fraternitas Rosicruciana Antiqua", Illuminaten Orden", "Hermetic Brotherhood of Light", "Memphis Misraim", "Academia Masonica".

Für den Konsumenten ist das Endprodukt dieser McDonaldisation "Erleuchtung durch Sexualmagie": McGnosis, transportiert mit der/durch die Ikone "Aleister Crowley": eingepackt in einen Wust Worthülsen, am besten sonntäglich als Hostie aus Sexualsekreten konsumiert und mit einer "religiösen" Gebrauchsanweisung (als vom jetzigen Führer in wieder aufgelegte Crowley-Bücher gesetzte Fussnoten) versehen.


b) Der amerikanische O.T.O. als typisches Beispiel von McDonaldisierung, oder: der Supermarkt als höchste Kulturleistung

Es finden sich unzählige Beispiele von mcdonaldisiertem Okkultismus: angefangen vom täglichen Horoskop im Blätterwald, von Tarotlesen und Fernheilungen am TV in den USA oder Italien, bis hin zu "Do-it-yourself"-Liebeszauberbaukästen in esoterischen Buchhandlungen. Noch nimmt der amerikanische O.T.O. an diesen Techniken nicht teil. Mit der zunehmenden Popularisierung der amerikanischen Version des O.T.O.-Phänomens und der allgemeinen Akzeptanz von immer näher rückenden Grenzbereichen der Okkultur ins Interesse des Mainstreams, dürfte es jedoch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis via Internet von O.T.O.-Homepages aus nicht nur wie heute T-Shirts mit dem O.T.O.-Lamen und [so, wie bis vor kurzem via www.venus.com] Pornographie, sondern auch tiefgefrorenes "Amrita" ins Haus bestellt werden kann.

Der Begriff "Okkultur" umschliesst den kulturell-schöpferischen Aspekt dessen, was sich im okkulten ethnologischen Untergrund des Abendlandes abspielt und sich aufgrund seiner kulturellen Ambitionen spurenweise in der Mainstream-Kultur wiederfindet. Ein sich verteidigendes O.T.O.-Mitglied, nachdem es mit meiner Hypothese, es trage zur McDonaldisation der Okkultur bei, konfrontiert wurde: "Kürzlich sah ich eine riesige Werbetafel für die Freimaurerei. Sie wies das FM-Logo auf, eine Telefonnummer und die Überschrift: "To be one, ask one". Und all das genau gegenüber einer McDonalds-Bude. Was kommt als nächstes? Wegwerfschürzen als Beilage zum Big Mac?"

Unser Beispiel, der amerikanische O.T.O. als esoterischer Supermarkt, bietet auf postmoderne Art und Weise gleichrangig Kabbala, Yoga, Dämonen- und Engelbeschwörungen, Exorzismen, Tierweihungen, Sexualmagie, Religion, Gnosis, Skandale, Philosophie und Pseudowissenschaft. Bekanntes wird als neu verkauft. Crowleys Thelema entpuppt sich als schlichter Hamburger in einer schillernden Verpackung. Jeder kann sich sein eigenes Gebräu aus dem Repertoire Crowleys und des O.T.O. zusammenmischen. Der heutige organisierte Okkultismus à la Crowley stellt nur die Technologie bereit, wie man sich des Materials, seiner Fähigkeiten, der Kenntnisse, der Regeln und Richtlinien, der Verfahren und Abläufe, zu bedienen hat. Die heutigen Funktionäre des amerikanischen O.T.O. interpretieren darüberhinaus Crowleys Worthülsen und Rituale, modifizieren diese, abstrahieren daraus neue Rituale, Dogmen und Lehrgebäude (z.B. das VIII° Ritual, christlich angehauchte Rituale zur Kinder-Adoption, Tierweihungen, Heilungen per Handauflegen und Exorzismen. Somit wird aus diesem O.T.O. eine Art Perpetuum mobile: es bleibt nicht bei einer einzigen "Wiedergeburt": der Kunde erwartet, dass sich die Einweihungsschübe wiederholen und somit wird das Heil scheibchenweise geliefert. Die versprochenen Geheimnisse und Abenteuer werden nur Schritt für Schritt enthüllt und die Organisation fungiert als Dealer der Sehnsucht. Der O.T.O. als Verein stellt die jeweils ERLAUBTEN Methoden fest. Dieses effiziente Angebot von Rezepten (Sexualmagie, Yoga, "keine illegalen" Drogen, etc) bietet Instant-Illumination, die genau nach Schema, nämlich der Ordenshierarchie, abläuft. Jeder Einweihungsgrad bedeutet eine vorhersagbare Spezialisierung in einem genau definierten Bereich aus Symbolen und Techniken. Jede Initiation stellt neue Regeln und Vorschriften zur Verfügung, die bei der Ausführung zur Erleuchtung dienen. Die Hierarchie der Ordensstruktur, der Lehrplan, erlaubt zentrale Kontrolle, eine Vereinheitlichung und deren Ueberwachung. Der optimale Weg ist vor-entdeckt und braucht nur befolgt zu werden. Die Struktur ist institutionalisiert und strengen Massstäben, z.B. Prüfungen, unterworfen. Selbstredend wird kaum über die Preise, Glaubenssätze oder Organisationsfragen diskutiert, kein Anführer wird demokratisch gewählt. Alles ist immer gleich (z.B. lässt sich angeblich jeder V° eine Rose über der Brust tätowieren; "729" bleibt immer "Bafomithr": McBaphomet?). Ordensübergreifende Kreativität wäre ineffizient oder nicht mehr linientreu.

Die Fixierung auf Crowley bedeutet jedoch Stagnation. Hier beginnt nun die Irrationalität der mcdonaldisierten Okkultur. Freiheit im Crowley-O.T.O. spiegelt sich in Dogmen;
  • in Geheimniskrämerei (niemand soll erfahren, dass das ultimate Geheimnis allein Sperma-Gnosis ist) und klar ausgesprochener Zensur: technokratischer "Besitz" von Informationen und Monopol auf Auslegung und Vermittlung, denn wer manipulieren will, muss die besseren Geheimnisse auf dem Markt anbieten. Dies führt zur bizarren Manie des amerikanischen O.T.O., die Sperma-Gnosis (ähnlich wie Coca Cola seine Rezeptur) als "Geschäftsgeheimnis" zu behandeln und jegliche Verbindung dazu bis ins Absurde hin abzuleugnen, ansonsten man ja das "Geschäftsgeheimnis" verlieren würde;
  • in Unüberschaubarkeit: wer ist wofür zuständig?
  • in der sich nach oben verengenden Ordenshierarchie-Pyramide (da ja nie alle Mitglieder die höchsten Grade erreichen können);
  • in den Kosten der jahrelangen Mitgliederbeiträge;
  • in den Wartezeiten auf höhere Einweihungen (die nur den Ordensoberen Geld bringen?) (parallel dazu wäre im Internet das WWW, das (W)elt(W)eite (W)arten, zu sehen);
  • in der Austauschbarkeit von Qualität durch Quantität: Aufsteigen in der Firma kann nur, wer am meisten Mitarbeiter/Mitglieder anwirbt.
  • Während in einer Demokratie öffentliche Amtsträger, Personen in Vertrauenspositionen und Stars nur eingeschränktes Recht auf Privatsphäre und Anonymität geniessen, ist es in organisierten okkulten Nischen à la O.T.O. genau umgekehrt: je höher die Amtsträger, um so pseudonymer deren Machtausübung (z.B. die Geheimhaltung profaner Namen der jeweiligen Landesfürsten, sprich Rex Summus Sanctissimus, oder des "Caliphs").
  • Strukturdominanz: keine Alternativen zu anderen O.T.O.- ähnlichen Gruppierungen werden erlaubt. O.T.O.-Mitglieder dürfen nicht zum Temple of Set gehören. Eine marktbeherrschende Stellung, die sich auch im Microsoft (Bill Gates)-System findet.


==> Also alles nur Vortäuschungen von Effizienz (denn die meisten Mitglieder erreichen kaum einen höheren Grad als den III°). Eigentlich ist das Geheimnis der Sperma-Gnosis eh ein offenes Geheimnis: jeder kann sie ausüben, ohne Klubmitglied zu sein. Trotzdem sollen die Mitgliederbeiträge, so wollen es die Ordensoberen, nicht als Gegenleistung für Waren und Leistungen (5- 10 Prozent Preisreduktion für Mitglieder auf die vom USA-O.T.O. publizierten Crowley-Bücher), sondern als privilegierter Beitrag zum "Grossen Werk" verstanden werden.

Und überhaupt: was ist von einer Organisation zu halten, deren Mitglieder einzig erstrebenswertes Ziel es ist, einen weiteren wohlklingenden Titel, Orden, Amt, Karnevalskostüm oder Grad zu erreichen? Was passiert, wenn deren keine mehr anzubieten sind: wenn "der" O.T.O. seine Funktion als Zwischenhändler und Vermittler des Heils verliert?


c) Das Internet als Beispiel der McDonaldisierung der Okkultur

Während ich die McDonaldisation eher von ihrem utilitaristischen Aspekt her aufrolle, spiegle ich deren Mechanismen im Internet aus der apokalyptischen und weniger utopistischen Warte.

Die Internationalisierung des Handels und die Produkte der Filmfabriken Hollywoods haben wesentlich dazu beigetragen, u.a. die McDonaldisierungs-Mechanismen der amerikanischen Kultur weltweit zu verbreiten. Das Internet als Kommunikationssystem und Träger neuer, informationsbezogener Realitäten (Cyberspace) fördert nun solche Tendenzen auf dem globalen Supermarkt der Kosmischen Vibrationen. Das Internet (World Wide Web, e-mail, Multi User Domains, ftp, mailing lists, newsgroups, USENET, chat rooms, Hot Chats, virtuelle Beichtstühle, Internet Related Chat, Internet banking etc.) dient als chaotisches Sammellager auch okkult-digitaler Dokumente, in dem alle Daten gleichwertig erscheinen, in dem aber das Kräfteverhältnis am Markt zwischen Produzenten und Konsumenten digitaler Werke dermassen verschoben ist, dass die meisten "wertvollen" Daten gar nicht erst in elektronische Form allgemein zugänglich gemacht werden (Ausnahme: virtuelle Bibliotheken. Hindernisse: Copyrights, Datenschutz, Trivialität der meisten on-line-Veröffentlichungen). Gelegenheitsnutzer und ernsthafte Forscher vertrauen auf die Genauigkeit und Vollständigkeit der Daten im Netz. Doch sie bauen auf Information unbekannter Provenienz und zweifelhafter Qualität: Denn allein computergestützte Materialsuche bleibt lückenhaft und fragwürdig.

Fragmentierung ist das grosse Hauptthema der Okkultur (im Sinne hinduistischer Vielheit), des Internets und der Identitäts- Definition der Postmoderne. Die Gleichheit zwischen der Person und ihrer Rollen wird aufgebrochen: multiples oder dezentriertes Selbst sind die neuen Landmarken zum Verständnis. Die Verknüpfungen zwischen den Fragmenten (oder der fragmentierten Wahrnehmung) haben einen Grund, aber es steckt keine letztgültige Wahrheit dahinter: Postulat der Instabilität von Bedeutungen und deren Simulation als Rollen. Das Surfen auf den veränderlichen Oberflächen der Homepages im Internet bedarf keiner Suche nach Tiefenmechanismen, keines Forschens nach Ursprüngen und Strukturen. Es bedarf allein einer Simulationsästhetik und einer Navigationstechnik, um sich in virtuellen Räumen zurechtzufinden; in einer Welt, die man nicht analysiert, sondern schon beinah als Jungsche Archetype mit einem Repertoire von Rollen _bewohnt_.

Das fragmentierte Ich (die multiplen Subjektivitäten und postmodernen Selbstkonzepte), das Leben als System von kabbalistischen Konstanten, das die Realität vieler Okkultisten ausmacht, spiegelt sich als endlose Bildmanipulation (von in Trance wahrgenommenen Visionen, deren Niederschrift und auch von den Imaginationen auf und hinter dem Bildschirm). Ist dies die virtuelle Gnosis?: der unerträgliche Körper wird virtuell transsubstantiiert und neu erfahren? Diesmal weder durch eine Extremsportart, nicht durch Sexualmagie, noch Drogen oder Hatha- Yoga? Wird Gnosis zur Dia-Gnosis, da, wo der Mensch seinen alten Tempel, den Körper, verlassen will, um eine neue Heimat im Netz zu finden? Kritiker sehen in der Reduktion der Körperlichkeit auf Maus und Tastatur eine Amputation des Selbst, die Psychose erzeugen kann. Zusammen mit einem inflationären Informationsfluss, der Konfusion und Entscheidungshemmung auslöst, sehen Kritiker die körperliche Reduktion als eine der wichtigsten stressauslösenden Momente der Kultur, so auch der Okkultur. Desorientierung stellt einen Schritt zur Amputation des Selbst in einem See der Auswahlmöglichkeiten dar, was von vielen Okkultisten jedoch als wünschenswerte Ich-Auflösung um-interpretiert wird.

Die einzige Qualitätskontrolle im okkulten Sein bietet die Intensität des Erlebten: Authentizismus, Erfahrungspathos, Selbstbeobachtung. Das Internet simuliert nun dieses Gefühl der Dringlichkeit, den starken Eindruck des Gegenwärtigen. Der Cyberspace als Raum hinter den Bildern führt zu einer totalen Entkoppelung der Kommunikation in zeitlicher, räumlicher und sozialer Hinsicht. Die virtuelle Okkultur entsteht: die technologische Doppelung der Realität in reale und virtuelle Realität, die Aktivität und "Instant Illumination" vortäuscht. Die Gedanken und Ideen, die durch das Netz wandern, sind nicht völlig gestaltlos, aber ihre Flüchtigkeit, ihre Vergänglichkeit und ihre Virtualität nehmen zunehmend quantitativ und weniger qualitativ zu. Indem das Netz wächst und sich fortentwickelt, werden die Materialisationen der Ideen oder Konzepte immer schwieriger zu greifen, zu beurteilen und zu beobachten. Unversehens bietet sich so Gelegenheit, die traditionellen Betrachtungweisen von "Realität" zu revidieren.

Marshall McLuhan erkannte an der Grenze der Moderne zur Postmoderne die Medien als "extensions of man", einer Konsequenz des Dual-Konzeptes Organismus/Umgebung. In einer religiösen Bedeutung wird nun das aus den menschlichen Körpern in die Rechnernetze verlagerte Gesamtbewusstsein der Menschheit ein Fluchtpunkt technischer wie auch heilsgeschichtlicher Entwicklung. Diese Erweiterung des menschlichen Gehirns (resp. reduktive Gleichsetzung des Menschen mit Information) entspricht dem Bedürfnis vieler Okkultisten, einen homo superior zu erzeugen, eine Ueber- und Herrenrasse, die das eigene Genmaterial willentlich verändern kann. Für viele Okkultisten ist das Internet eine Art erweiterte unbewusst-elektronische Verlängerung des Nervensystems, ein astrales Selbst, das zu einer neuen Form menschlichen Zusammenlebens zu führen scheint. Die Festplatte entspricht dem erdgebundenen physischen Leib, der Arbeitsspeicher dem Merkur, der Prozessor vermittelt astrale Energie; aus der amputierten Reduktion des fleischlichen Körpers auf Maus und Tastatur entweicht sakrales Feuer: der Citizen des Cyberspace, der die ikonenhafte, visuelle Programmiersprache dem Tarot gleichsetzt; in der Akascha-Chronik, den Datenspeichern der search engines im Internet. Dass dabei Rationalität im Sog der Bildschirmangebote weitgehend auf der Strecke bleibt und einem Neo-Animismus Platz macht, erweist sich als eigentümliches Augenzwinkern der Geschichte.

Das Internet als Kollektivhirn widerspricht natürlich der Geheimniskrämerei gewisser O.T.O.-Gruppen, deren Auffassung es ist, Denken über ein Produkt sei gleichbedeutend wie dessen Herstellung, Verteilung und Verkauf. Der alleinige Anspruch auf "Sperma-Gnosis" als Geschäftsgeheimnis inmitten des Kollektivhirns ist, als würde eine neue Firma behaupten, Feuer und Luft zu besitzen. Hier zeigt sich der Tanz der Synopsen auf dem Grab des Copyrights. Intellektueller Besitz muss umdefiniert werden. Neue Grundlagen für Gesetze werden entwickelt. Verschlüsselungstechniken ersetzen die traditionellen Abgrenzungen von mir und dir.

Die Geschwindigkeit der Datenübertragung stimultiert und simultiert das Gefühl von Reichtum, Macht und Gemeinschaftlichkeit. Die durch die Geschwindkeit verlorene Selbstbeherrschung scheint dem Okkultisten den gewünschten "instant" Zugang zu seinem Innern zu öffnen, das nun keine Grammatik, kein analytisches Denken, keine "political correctness" und höflichen Umgangsformen mehr zu kennen scheint. Das rasant einfacher werdende Pidgin English im Internet ist eine Folge seiner Kommunikationspragmatik. Die Buchstaben und Ikonen (Bilder, Codes, Animationen) auf dem Bildschirm, das Schweigen, in das man hineintippt, das Fehlen visueller Hinweise auf ein körperliches Gegenüber führen zu übertriebenen Sympathien in einem virtuellen Vertrautheitsraum, Antipathien, Idealisierungen und Dämonisierungen. Das Verschwinden der klassischen, u.U. bewusstseinsfördernden Reibungswiderstände (z.B. durch Umstände des Alltags, Zeitdauer des traditionellen Postversands, editoriale Selektion, lokale Begrenzung, kulturelle Grenzen, etc.) bedeutet auch den Verlust traditioneller Konfliktlösungsstrategien. Nike's "just do it"-Turnschuhe an den Füssen der Heaven's Gate Selbstmörder kommen da in den Sinn: scheinbarer Missbrauch der Kommunikationsrituale als Steigerung der "awareness"? Crowleys "Do what thou wilt" wurde in den 1960ern zum "Do your own thing", mit der Kommerzialisierung zum "Just do it" und nun zum demonstrativen "Do!".

Die Möglichkeit, im Cyberspace die Persönlichkeit, das Geschlecht, das Alter willentlich zu verändern und nur als rein körperloser Text oder Ikone (Avatar) zu existieren, steht im krassen Gegensatz zu der Körperlichkeit, mit der der traditionelle Okkultismus seine Abenteuer und Erlebnisse auszutragen pflegt (z.B. Sport, Drogen, Musik, Tanz, Lichteffekte, Yoga und Sexualmagie). Auf dem Bildschirm ist alles nur noch uniforme Schriftart, Stil und Formatierung. Das Schlüpfen in körperlose astrale virtuelle Larven wird von einigen Okkultisten jedoch nicht nur als Vollzug des "Great Work", sondern auch als parasitär und tumorös erlebt, da ihnen mentale Energien durch die künstlich induzierten Identitätsbilder abgezogen werden: als wäre das Internet ein bösartiger Egregor. -- Die Datenverarbeitung ist ebenso eindimensional: geistiger Konsum bei körperlicher Starre mit Folgen: Augenerkrankungen, Sehschwäche, RSI (Repetitive Strain Injury), Überspanntheit, Kopfschmerzen, Konzentrations- und Schlafstörungen. Der Verlust der traditionellen emotionalen Authentizität fördert den Verschmelzungs-Wunsch mit der Maschine. Hier treffen wir auf Andy Warhols Wunsch, eine Maschine zu sein und in einem entfernteren Sinne auf David Bowies "Heroes just for one day". Aber wer braucht Verschmelzungen? In einer Zeit, in dem das individuelle Identitätsgefühl immer bruchstückhafter wird, sollte es nicht erstaunen, dass populäre Mythen aufkommen, die die Welt wieder zu einer Einheit zusammenfügen wollen. Fällt uns dieser Mythos einfach zu, ringen wir um ihn? Und welcher ist es? Der Mythos der Allmacht und Allpräsenz, der Mythos der Befreiung vom Körper (einer Art gnostischem Selbsthass?), der Mythos der Unsterblichkeit oder der Mythos der Gottähnlichkeit und Neuschöpfung? Dies sind jedoch alte Konzepte. Die neuen Medien koppeln sich nicht an die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, sondern an den Drang gnostisch perfekt zu werden. Der Körper hat keinen eigenständigen Wert, da er partiell ersetzt werden kann und sollte. Die Neurotechnologien zielen auf die Loslösung vom Körper hin, um den Mind elektronisch zu speichern, zu verbessern, neu zu programmieren. Die Möglichkeit und der Wunsch den Körper zu beeinflussen, zu verändern und zu verbessern sind nur ein Ausdruck einer wachsenden Unwilligkeit, körperliche und geistige Behinderungen zu akzeptieren. So werden wiederum die Reicheren siegen und diejenigen, die in den O.T.O.-Gruppen bestimmen, welches Mitglied die höchsten Grade bestätigt erhält: denn zur perfekten Ausübung der perfekten Sexualmagie zur perfekten Erzeugung des perfekten Amrita können natürlich nur perfekte Körper und perfekte Eingeweihte verwendet werden.

So bekommt ein neuer Mythos Nährboden: "Being fiction becomes seen as an integral part of being real." Eine Simulation unter Simulationen zu sein. Hier fühlen sich diese Magier wohl: allein willentlich die physische Welt zu beeinflussen. Dabei will der Wille dieser Konsumenten nur konstanten Reizen (aus anderen Dimensionen) ausgesetzt sein oder sich einen neuen Mind aus dem Internet downloaden. Das faschistoide Selbst verbunkert sich in einer globalen Gesellschaft ohne Körper. Safe Sex, safe drugs, safe transcendence und safe feminism.

Timothy Leary versuchte umzuformulieren. Er wollte, dass die menschlichen Gehirne lernen, in der Datmosphäre genauso aus- wie einzuatmen, während die Leiber sich fröhlich in der langsamen, lasziven, fleischig-materiellen Welt vergnügen. Auf der Haut- Gewebe-Ebene sind unsere linken Gehirnteile auf mechanische, materielle Bilder beschränkt, während im Cyberspace die rechte Hirnhälfte frei scheint, um die grellen Cyberrealitäten des schnellen Austauschs von Feedback mit anderen Informationsquellen und weiteren out-of-body-Erfahrungen zu erforschen. Aber kann ein Bildschirm erweiterte Bewusstseinszustände ausserhalb der "autorisierten Realitäten" schaffen?

Die meisten Okkultisten wanderten seit eh und je in anderen, meist astralen Welten. Der Cyberspace scheint für viele so eine weitere Erweiterung der Dimensionen darzustellen, die man zum Hausgebrauch der eigenen Bewusstseinserweiterung gebrauchen könnte. Andere wiederum versuchen auf diese Weise erfolgreich die Realität zu meiden, die Okkultisten meist skeptisch oder ablehnend gegenübersteht. Oder wie es ein Teilnehmer an meinem Fragebogen über den "Gebrauch des Internet" ausgedrückt hat: "We can just exist" -- dies führt zum surrealen Effekt, dass nach Abnehmen des Cyberhelms oder Abschalten des PCs die physische Welt als hyperreale Realität wieder wahrgenommen werden kann. Also ein erneuter Hinweis auf die Medien als "extension of man", die auf die physische Welt zurückgreift, die nun wie "Phantomschmerzen" wahrgenommen werden kann.


d) Aufruhr im Wohnzimmer

Es finden sich Anthroposophen, die im Internet wesentliche Zukunftsbilder Rudolf Steiners bestätigt sehen: Gedankenfreiheit, soziales Menschenverständnis und Geisterkenntnis. In der elektronischen Informationskultur wird die Renaissance humanistischer Ideale wie weltanschaulicher Toleranz und Ablehnung von Zensur und Gewalt entdeckt: Geistesleben, unverfälscht durch Politiker, Ideologen oder Massenmedien.

In Tat und Wahrheit entpuppt sich das Internet jedoch meist als globale Bühne der Selbstentblössung mit nur vorgetäuschter kathartischer Wirkung: ein Medium des Tabubruchs und der Nivellierung. Hier treffen Selbstbewusstsein und auf die tradierten individuellen Sehnsüchte und Defizite verweisende Muster des Volkstümlichen aufeinander. Der Zugang zum Netz verschafft extremistischen Auffassungen Glaubwürdigkeit und Publikum. In dieser soziologisch gesehen unüberbietbar hybriden Konstellation (de)generiert der Cyberspace zu mehr oder weniger ästhetisch vermittelten Entblössungen des sozialen Mainstream, so auch des okkulten Alltags aus ritualisiertem Geplapper um Yoga, Kabbala, Gnosis, Rituale und z.B. Crowley-Bewunderung bei O.T.O.- Gruppen. Die reklamierte Bewusstseinserweiterung erweist sich als simple Umstellung tradierter Werte, allein um die Dinge erneut ihren alten Lauf gehen zu lassen. Der Schein der individuellen Wahl und Programmgestaltung, der Schein der Freiheit im rituellen Seh-Korsett. Die Sage des Narziss in einer modernen Variante: McNarziss.

Eine sich ständig ausbreitende Masse von okkulten "Experten" (da im Internet keine "Zensur" und keine editoriale Selektion herrscht, ist bereits jedes O.T.O.-Mitglied mit einer Homepage im Internet automatisch ein O.T.O.-"Experte") mit der Joseph Beuys- Formel im Gepäck, derzufolge jeder Mensch ein Talkmaster ist, sieht sich selber einer Vervielfältigung scheinbarer Wahrheitsquellen gegenüber, die in absoluter Wahrheitsentkräftung mündet. Alles ist gleichermassen unbedeutend, obwohl es in der Weise, wie es präsentiert wird, nicht so erscheint. Bennetton Werbung, Anti-Kult-Organisationen oder Tarot-Karten: es funktioniert: Die Welt als Einwickelpapier. In der gesetzlosen, hyperdemokratischen Weltschau des Internet gibt es kein "wahr" oder "unwahr" mehr, sondern nur noch das, was die oben beschriebenen Elemente der McDonaldisation diktieren: schneller, lauter und bunter, saftiger. Im interkontinentalen Gerangel um Erkenntniswert kapitulieren letztendlich Einfühlungsvermögen und Neugier auf Qualität vor dem schieren Informations-Overkill durch Quantität. Was wie Rebellion und Anarchie aussieht, ist im Grunde Konsumentenwunsch.

Fast jede O.T.O.-Homepage teilt selbst-referentiell allein mit, dass man sich etwas mitteilt: auf einer anderen O.T.O.-Homepage nämlich. Die Verpackung suggeriert, sie sei der Inhalt. Diese Gewohnheit ist sehr häufig bei Okkultisten (z.B. Crowleyanern, der Scientology, VPM), Freimaurern und Gelehrten anzutreffen, die nur Werke aus ihren eigenen Kreisen für ihre Forschungsstudien oder Arbeiten heranziehen, also die eigenen Vorurteile bewirtschaften. Die McDonaldisation der Okkultur scheint diesen Mechanismus da aufzubrechen, wo er sich selber öffentlich (z.B. eben im Internet) entlarvt. Wo es sonst akademische Titel hagelt und es den alten Unterschied zwischen krawattiertem Anzug, Weisskittel und Uniform gibt, herrscht nun reiner ascii-Code. Die selektive Aufmerksamkeit wird in Zukunft über den Wert von Informationen entscheiden - es ist nicht mehr wichtig, ob eine Information richtig oder falsch ist, sondern ob und wie sie wahrgenommen wird. Die Netizens organisieren sich neu in Netzverbindungen, nicht mehr durch geographische Nähe, in Interessengemeinschaften auf Zeit, die auf weitgehender Anonymität basieren und mit wechselnden Interessen wechselnde Identitäten variieren. Konstanz und Verlässlichkeit bestehen in Zugehörigkeit zur Netzgemeinde, auf der Meta- Ebene/Symbolik des Online-seins.

Dank dem Internet verwandeln sich ehemalige Ordens-Aktivitäten in Popkultur, Sachfragen schrumpfen zu e-mail-Happenings und Meinungs-leasing, Wissen wird Datenspeicherung, Linerares wird interaktiv, Freundschaften lösen sich in auswechselbare Cyber- Interaktionen auf: die Okkultur zerklüftet zum Spartenpublikum, das sich seine Halbwahrheiten aus dem endlosen digitalen Pool klaubt. Die so mcdonaldisierte Okkultur ist eine "Anything goes"- Arena, in der Verschwörungstheorien gezimmert werden und Halbwahrheiten sogar universitär hochgepeitscht sind (z.B. die rein quantitative Reduzierung auf allein im Internet vorhandene Stichworte als Referenzen universitärer Studien). Die Zurückdrängung überprüfbarer Fakten durch halluzinierte Spekulationen erlaubt keine Wahrheitskontrolle mehr und mündet in ein endlos fragmentiertes Labyrinth grenzenloser Beliebigkeit. Die Informationen sind einem konstanten elastischen Prozess der Transformation und interaktiver Rekonfiguration unterworfen. In den Hypertextkatakomben geht das Gefühl für das Ganze verloren. Im trüben Schein des nicht vorhandenen Ueberblicks verlieren sich Zusammenhänge. Wo Hypertext herrscht, bleibt der Kontext auf der Strecke. Muss der Benutzer des Internets in Zukunft ein robustes Informations-Immunsystem benötigen gegen die Falschmeldungen, die auf dem Internet bazillenartig keimen?


e) Mit oder ohne Zwiebel?

Noch stärker als Radio, Film und TV wird das Internet unsere Wahrnehmung und unsere Sprache verändern. Bereits sind 10% aller User Kinder und Jugendliche. Diese sind die Resourcen und der Marktplatz unserer Gesellschaft. Folgerichtig plant die EU, allen Schulen Netzanschluss zu verschaffen.

Die Informationsfülle im Internet kann dem sorgfältigen Benutzer auch eine Quelle der Inspiration oder Aufklärung sein. Das Netz macht es für einige Gruppen unmöglich, eventuell gesellschaftlich geächtetes (Miss)Verhalten weiterhin "geheim" zu halten. An dieser Stelle ist im Hinterkopf zu behalten, dass die Ideenliferanten der O.T.O.-Gruppen (Theodor Reuss und Aleister Crowley) eine äusserst "grosszügige" Haltung bzgl. Sexualität und Kindererziehung einnahmen, die z.B. den sog. Priester-Ärzten, d.h. libertinen Gnostikern, obliege und ausserhalb der traditionellen Familienstruktur zu erfolgen habe.

Die zahlreichen Manifestationen von multiplen Identitäten in unserer Kultur, die Erschaffung von Internet-personä eingeschlossen, tragen zu einer umfassenden Überprüfung traditioneller, unitärer Identitätstheorien bei und unterstützen die postmoderne Weltschau. Entsprechende Metaphern durchziehen Gebiete wie Informatik, Psychologie, Kinderspiele, Literatur, Werbebranche, Biologie, Medizin (wo schon Froschsezierungen rein virtuell vorgenommen werden können), die Massenkultur und selbstverständlich die okkulte Kultur. (Das Prinzip der "Verkörperten Intelligenz" ist in der Physik, Informatik, Biologie und Verhaltensforschung schon länger z.B. in der Form von künstlichen Wesen, die eigenständig agieren, kooperieren, sich selbst organisieren, verbessern und erhalten, bekannt.) Noch nie war die Trennlinie zwischen Hochkultur und Massen- oder Konsumkultur so dünn. Das Sichtbare muss nicht mehr auf das Verborgene weisen, die Existenz nicht mehr auf die Essenz und der Signifikant nicht mehr auf das Signifikat. Wir leben in Oscar Wildes (elektronischer) Maske: "Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare." Und der Nachteil der Postmoderne? Das Herumspringen im Schein der Unmittelbarkeiten und Gleichzeitigkeiten tilgt das Geschichtsbewusstsein. Die Bewegungslosigkeit und Passivität des postmodernen Individuums und ein erhöhter Bedarf an Ueberstimulation scheinen Hand in Hand zu gehen.

Während sich eine Weltmarke durch Einheitlichkeit, Erkennbarkeit und kompromisslose Erfüllung der Kundenerwartungen auszeichnet, um Identifikation und Loyalität anzustreben, ist der amerikanische O.T.O. nichts weiter als eine Firma, die ihrem Boss erlauben soll, von angeblichen Tantiemen an Aleister Crowleys Werken zu leben. Es sind nicht Mitgliederbeiträge, von denen die O.T.O.-Oberen sich ein saftiges Gehalt abschneiden, sondern die Tantiemen, die sie ungerechtfertigterweise von Crowley-Werken beziehen: durch Einschüchterung von Verlagen, die zu faul sind, sich der genauen juristischen Lage anzunehmen: der amerikanische O.T.O. also nur ein juristisches Anhängsel zum Wohle sehr weniger verkümmert. Die Übertünchung dieser Tatsache durch Dutzende von überzuckerten und "bewusstseinserweiternden" Internet Homepages lässt diesen Friede- Freude-Eierkuchen als das aussehen, was er scheint: als McOTO. Aus apokalyptischer Sicht wird der okkulte Bereich des Internet so zum Ort, wo Information als Produktionsfaktor und Konsumgut, als Kontroll-, Herrschafts- und Steuerungsmittel einiger weniger verwendet wird, die die grosse Masse so auch okkulter Konsumenten zu manipulieren versuchen. Religiöse Sondergruppen und neoliberale Wirtschaftsideologie à la McDonaldisation sind zwei Seiten derselben Dollar-Münze.

© P.R. König, August 1998






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