"Never Trust an Occultist"
F: Seit geraumer Zeit beschäftigen Sie sich mit magischen und okkulten
Gruppierungen und publizieren zu diesem Thema, welche Intention steckt
dahinter ?
A: Begonnen haben die ganzen Recherchen 1985, als ich in meiner
Büchersammlung über die Schweizer-O.T.O.-Zeitschrift "Oriflamme"
stolperte, mich wunderte, dass ich sowas besass, dann darin blätterte
und den Eindruck erhielt: "Halt, das reimt sich nicht mit sich selbst".
Als Bewunderer von Claude Levi-Strauss und Mario Erdheim, dem Zürcher
Ethnologen und einzigen Uni-Dozenten, bei dessen Vorlesungen ich nicht
einschlief, liess ich mich vom Strudel detektivischer Recherchen und
psycho-ethnologischer Feldforschung unter "den Wilden Stämmen" im
"Untergrund des Abendlandes" erfassen, nahm die verschiedensten Posen
ein (die wissenschaftliche, die okkulte, etc.) und liess mich allein
von meiner eigenen Beharrlichkeit leiten.
Über mein Konzept habe ich mich in der Zeitschrift "Gnostika", Nummer
1, 1996, ausgelassen: AAGW, Lothar von Kübelstrasse 1, D 76547
Sinzheim.
F: Wie man in Ihren Büchern lesen kann, haben Sie nicht nur Historie und
Inhalte der Orden recherchiert, sondern waren (sind ?) auch Mitglied mancher
Gruppe. Waren diese Mitgliedschaften ein notwendiges Übel für die Recherche
oder waren Sie ernsthaft von den Idealen und Praktiken dieser Logen
überzeugt ?
A: Als Ethnologe lebt man eine Zeitlang mit den "wilden Stämmen" im
Dschungel zusammen. Wäre ich nur Jäger oder Tourist, hinge allein
ein Zebrafell oder ein Selbstporträt über meinem Bett.
Wie sollte ich mich mit etwas auseinandersetzen können, das ich nicht
selber kenne?
Abgesehen von der (Sehn)sucht nach Visionen, scheint eines der
wichtigsten Themen im organisierten Okkultismus die Sucht nach
Legitimation, nach etwas Profanem, nach einer Autorisation durch Papa
oder Mama zu sein. Und wie leicht es doch ist, die Aufmerksamkeit
Gottes zu erheischen. Ich wollte es erleben, um es nachher in meinen
Büchern spiegeln zu können: wie werde ich Häuptling der Rothäute?
Manchmal reiste ich an die Treffen der Wilden Stämme in den schwarzen
Kutten, manchmal öffnete ich jedoch lediglich meinen Briefkasten oder
mein Tipi im Cyberspace:
33°, 90°, 95°, 96°, 97°, X°, XI°, XVI°, R+C+, Primas der Gnostisch
Apostolischen Kirche der Schweiz und so vieles mehr.
F: Die Anzahl der Autoren, die sich mit Geheimbünden beschäftigen, ist
beinahe unüberschaubar, wobei der Grossteil der Veröffentlichungen jedoch
dem Boulevardjournalismus zugerechnet werden muss. Wie denken Sie über Ihre
"Kollegen", z.B. über Haack, die Gebrüder Grandt etc. ?
A: Die Erzeugnisse der Gebrüder Grandt scheinen mir auf den ersten
Eindruck hin ein bedauerlicher Ausrutscher der evolutionären
Geschehnisse zu sein, drängen sich doch Parallelen zu den Nazi-Ergüssen
Ludendorffscher Gesinnung auf. Gesamthaft gesehen, stellen jedoch und
deshalb deren Schundwerke und peinlichen Auftritte im Karussell der
täglichen TV-Talkrunden einen aktuellen Abguss des momentanen
gesellschaftlichen Befindens dar. Dies ist ein Anspruch an alle
betroffenen Parteien (seien es Frl. Äschbach vom Schweizer O.T.O., die
Anthroposophen oder auch an mich) in den Mechanismus einzugreifen und
"korrigierenden" Einfluss auf diese "Heroes just for one day" zu
nehmen.
F: Wie waren die Reaktionen von seiten der von Ihnen behandelten Gruppen auf
Ihre Veröffentlichungen ? Wenn wir unseren "Sektenpfarrern" Glauben schenken
würden, müssten Sie bei soviel geäusserter Kritik längst Todeskandidat
sein.
A: Die Reaktionen waren viel- und meistens einfältig. Einerseits weist man
auf meine "moralische" Verwerflichkeit hin, da ich Briefe zitiert
hätte, meist wechselt man den "Kriegsschauplatz" und diskutiert meine
Schuhgrösse ("König verdient sein Geld als Striptease-Tänzer in einem
Transvestitenlokal", Zitat!), viele "wissen", dass meine Bücher nur
faktische Fehler enthalten, obwohl sie diese gar nicht gelesen haben
(Zitat!), ein Oberhaupt eines O.T.O. schreibt, dass König's "Materialien"
seiner Gruppe Schaden zufügen (man notiere: "Materialien" und nicht
"Analysen" oder "Darstellungen"); die Oberhäupter allgemein raten
ihren Mitgliedern ab, mit mir zu reden, da diese sonst in anstehende
(angebliche) Gerichtsprozesse einbezogen werden könnten, etc. etc. etc.
Generell: Exmitglieder von O.T.O.-Gruppen sind ob meiner Existenz
begeistert.
Alles Nebenschauplätze: man scheint dermassen geblendet von der
Explosion zu sein, dass man gar nicht mehr hinschaut, was in meinen
Büchern zu finden ist: das eigene Spiegelbild, die eigenen Worte und
die eigenen Taten.
Eine der ganz wenigen löblichen Ausnahmen war David Scriven, dessen
Korrespondenz mit mir via meiner Internet Homepage zu finden ist.
F: In Anbetracht der von Ihnen veröffentlichten Materialfülle hat es uns
sehr überrascht, dass Ihre Bücher im Grunde Geheimtips für Insider
geblieben sind. Wir hatten den Eindruck, dass die "okkulte Szene" hier die
Strategie gewählt hat, Ihre Bücher totzuschweigen und auf gar keinen Fall
eine Diskussion entstehen zu lassen. Würden Sie dem zustimmen ?
A: Es war nie auch nur eine Sekunde lang meine Absicht, für ein grosses
Publikum zu publizieren. Sonst hätte ich a) einen anderen Verlag
gewählt und b) das Thema komplett anders angegangen: z.B. nicht
gespiegelt.
Sie implizieren mit Ihrer Frage eine "homogene" und entscheidungsfähige
Szene: als eine solche ist mir jedoch keine begegnet. Ich verstehe
ausserdem nicht, was Sie in diesem Zusammenhang unter dem Begriff
"Szene" meinen. Denken Sie an _publizierte_ Reaktionen? Die gab es von
den "betroffenen Parteien" schon lange bevor ich auch nur ein Buch
veröffentlicht hatte ...
Von "totschweigen" kann gar nicht die Rede sein. Sie sollten sehen, wie
viele e-mails oder s-mails ich erhalte. Vergessen Sie auch nicht, die
betroffene "Szene" ist sehr klein. Wurden doch für einen
Gerichtsprozess anfang der 90er die Namen und Adressen der Mitglieder
des Deutschen Zweiges des "Caliphats" festgehalten. Und es waren deren
nur 24.
Anstatt "totschweigen" wären eher die Begriffe "versuchte Zensur" oder
"subtiler Druck" angebracht.
F: Ihre Darstellung der Geheimbünde ist zuweilen sehr sarkastisch und
ironisch; einzig und allein den "Ordo Templi Orientis Antiqua" und die
"Fraternitas Saturni" scheinen Sie als ernsthaft magische Gruppierungen zu
betrachten. Nehmen sie tatsächlich eine Sonderstellung ein ? Was macht sie
so verschieden von den anderen Logen ?
Sind Sie Mitglied eines der Saturn-Orden?
A: Der OTOA ist ein ganz besonders gelungenes Bespiel von "gnostischer
Inflation", das spricht für sich selbst, und die FS nahm sich dermassen
bitter ernst, dass ich eben genau dieses spiegelte.
F: Über die Maat Bewegung um Maggie Ingalls/Soror Nema ist in Deutschland
eher wenig geschrieben worden - vielen sind deren Konzepte und Ideen
gänzlich unbekannt. Sie haben diese Bewegung im "OTOA-Reader" kurz
gestreift. Wird sich diese Richtung Ihrer Meinung nach langfristig gesehen
auch in Deutschland etablieren ?
A:Über die Maat-Sachen habe ich schon früher in der AHA publiziert,
soweit ich mich erinnere, hat mir Maggie Ingalls das Copyright für die
Deutsche Veröffentlichung gegeben und "zusammen" mit Ian Fries habe ich
dann ein paar diesbezügliche Texte übersetzt und in der AHA publiziert.
Ich kann mir vorstellen, dass das undogmatische Maat-Kontinuum der
Vereinsmeierei-Mentalität der Deutschen im Wege steht. Der Deutsche
Charakter verlangt nach einem strammen Marschtritt und flotter Musik.
Dies bietet natürlich das "Caliphat". Das Maat-Kontinuum hingegen
bleibt diffus, ruft nach Kreativität, geht schnurstracks auf das
Stück Fleisch los, das mit Sexualsekreten verzehrt wird -- und sowas
schüchtert die Deutsche Seele ein.
Ausserdem lässt sich mit den Maat-Texten kein Geld, wie mit Crowley's
Werken, machen. Also hat auch niemand Interesse daran, dass das
unlukrative Maat-Kontinuum sich ausbreitet.
F: Welchen Stellenwert werden Ihrer Meinung nach Ingalls, Grant und Bertiaux
in der zukünftigen Magieszene einnehmen ? Viele sehen sie als
richtungsweisend, da sie eher undogmatisch agieren und sich - manche mehr,
andere weniger - auch von der Zentralfigur Crowley gelöst haben.
A: siehe oben
F: Mancher Kritiker hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie bei Ihrer Darstellung
oftmals die spirituellen Motive vernachlässigen, die manche Unternehmungen
und Aussagen der Akteure, die nüchtern betrachtet lächerlich bis absurd
wirken, in einem anderen Licht erscheinen lassen würden. Empfinden Sie
diesen Vorwurf als zutreffend?
A: Interessant, dass Sie den Begriff "nüchtern" einführen.
Sie können folgendes Schubladendenken anwenden: die O.T.O.-Gruppen stecken
ihre Propaganda in die Waschmaschine und ich drücke den Knopf, um diese
vom Schmutz reinzuwaschen.
F: Für das "O.T.O.-Phänomen" haben Sie den Ausspruch "Never Trust An
Occultist" von Ellic Howe als Fazit genommen. Gibt es - trotz aller Kritik -
Personen oder Gruppen, die Ihre Sympathie oder Ihren Respekt geniessen ?
A: Primär interessiert es mich nicht, mit welchem Glauben oder welchen
Praktiken sich meine "Freunde" auf welche Art und Weise auch immer
auseinandersetzen. Ich habe jedoch immer wieder bestätigt bekommen, was
Howe, an seiner Pfeife saugend, murmelte: "Never Trust An Occultist"!
F: Warum wird der Band "Materialien zum O.T.O." - der genauso aufgemacht ist wie
die anderen Veröffentlichungen - zum schwindelerregenden Preis von 72,- DM
verkauft ?
A: Häh?
F: Was sagen Sie zu nachstehendem Zitat ? "Die Fraternitas Saturni hat mit
dubiosen Praktiken, wie sie etwa in den Büchern von P.R. König beschrieben
werden, nicht das geringste zu tun. Da in diesen Schriften die FS laufend mit
ihrer Imitation (Anm.:gemeint ist der Ordo Saturni) verwechselt wird,
könnten die dort beschriebenen skurrilen Arbeitsmethoden und
Weltanschauungen allenfals auf jene zutreffen." (Offener Brief an die AHA,
August 1995 von Ralph Tegtmeier, FS)
A: Ich habe den Eindruck, dass Tegtmeier von meinen Büchern begeistert
gewesen wäre, hätte ich ihn darin irgendwo und irgendwie erwähnt. Es
fand sich jedoch beim besten Willen keine Gelegenheit dazu. Oder hätte
ich etwa seine Briefe zitieren sollen, in denen er mich um Beiträge für
seine Projekte bat?
F:Wie denken Sie über die vielfach hierachischen Strukturen der Orden?
A: Dies macht den Verein zu einer kontrollierbaren money-milking-machine.
F: Über die Verbindungen von Geheimbünden und Politik ist viel geschrieben
worden, wobei das meiste jedoch wohl der Paranoia der jeweiligen Autoren
entstammt, die hinter der Weltverschwörung (wahlweise die rechte oder die
linke) her sind. Trotzdem gibt es z.B. insbesondere in Italien zahlreiche
Verstrickungen, die nur schwer zu durchschauen sind. Ist eine Propaganda Due
auch in Deutschland möglich ?
A: Ich weiss zuwenig über die P2, aber sicherlich gibt es sogenannte
nicht-magische Geheimbünde, in denen sich "seriöse" Herrschaften
zusammenschliessen, die weder mit der üblichen Freimaurerei, noch den
Küchentisch-Orden a la O.T.O. etwas zu tun haben wollen. Schlagworte, wie
"weltweite jüdische Freimaurerverschwörung" treffen auf diese "echten"
Geheimbünde selbstverständlich nicht zu.
F: Wie sehen Sie die Zukunft des O.T.O. bzw. der O.T.O.s ? Denken Sie, dass das
Thelema Konzept sich halten und behaupten wird oder wird es bald ein System
von vielen sein, bei dem man beliebig Anleihen für seine eigene
Weltanschauung nehmen kann ?
A: Zuerst muss mal klargestellt werden, dass Thelema nicht gleich O.T.O. ist
und dass ich allein die O.T.O.-Gruppen recherchiert habe und keinesfalls
Thelema.
Wieso sollte nicht auch ein ein blauer O.T.O. neben dem grünen und gelben
im Supermarkt der weltanschaulichen Strömungen erhältlich sein? Es
fragt sich nur, in welchem Gestell man diese Fastfood-Packungen
einordnen wird: "Instant Illumination" oder "Constant Nirvana"?
Das "Caliphat" macht Bestrebungen, Thelema zu kontrollieren, was ich
insofern begrüssenswert finde, als dass eine Art dogmatische
Hermeneutik Crowley'scher Schriften stattfindet (womit der organisierte
"Crowleyaner" sich vom "wilden" "Satanisten" abgrenzen kann). Wird
diese Linie eingehalten, wird Thelema weiterhin im Supermarkt der
Universellen Vibrationen auffallen. Aber ob damit auch die angestrebte
Transzendenz Thelemas erreicht wird, wage ich zu bezweifeln.
F: Warum sind scheinbar gerade die thelemitischen Gruppen nicht zur
Zusammenarbeit fähig ?
A: Schon die alten Griechischen Götter liebten es, einander zu bekämpfen
und gegeneinander zu intrigieren. Weshalb sollten es die modernen
selbsternannten Götter im Wohnzimmer anders halten?
F: Wie sehen Sie das Neuheidentum in Bezug auf den O.T.O. ? Sowohl Gardner als
auch Sanders waren bekanntlich auch im O.T.O..
A: "Historisch" gesehen, haben Gardner und Co. "damals" wohl ausprobiert,
mit welchem Vehikel sie am besten ihre Ideen umsetzen konnten. Der
Crowley-O.T.O. scheint "damals" nicht die passende Anzahl Räder gehabt zu
haben. Ich nehme auch an, dass Inspiration und Kreativität im Spiel
geblieben sind.
F: Sind Neuheidentum und Thelema für Sie Gegensätze?
A: Nein. Jeder Konsument kriegt ja auch bei Aldi eine gewisse Auswahl von
Produkten! Auch da liegen Kaffee und Tee im selben Gestell.
F: Die O.T.O. Reihe wurde als 10bändiges Werk konzipiert. Mit "Das Beste von
Heinrich Tränker" erschien im letzten Jahr der siebte Band.
A: ... und mit "How to make your own McOTO" der achte.
F: Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach ?
An welchen Projekten arbeiten Sie momentan und
wann wird der Band über die "Fraternitas Saturni" erscheinen ?
A: Mittlerweile sind insgesamt 13 Bände konzipiert. Wie bis anhin,
mindestens zwei pro Jahr:
- 1997:
- Der Grosse Theodor Reuss Reader
- Das Beste von Friedrich Lekve
- 1998:
- Gnostisch Katholische Kirchen
- In Nomine Demiurgi Saturni
- 1999: - Noch Mehr Materialien zum O.T.O.
Was danach geschieht, kommt auf das TV-Programm an.
Vielleicht haben Sie ja eine Idee?
F: Vielen Dank für das Interview.
A: Ich habe _Ihnen zu danken und werde dieses Interview vielleicht im 13.
Band (Noch Mehr Materialien Zum O.T.O.) aufnehmen.
© P.R. König und THING 1997
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