Folgendes Gespräch wurde speziell für die Braille-Version hergestellt. Die
Fragen stellte Claude Gütlin, Verlagsleiter der SBS Zürich bis 1998, die
Antworten stammen von Peter-R. König. Helvetizismen wurden belassen.
F: Wie enstanden Orden? Sind sie aus abtrünnigen
"Christengruppierungen" entstanden oder sind da ältere oder andere
Motive dahinter? Anders gefragt: Stecken echte Bemühungen um den
Fragenkreis des "Sinn des Lebens" oder materielle Ziele dahinter?
Werden einfach die Bedürfnisse des Menschen nach Geheimnisvollem,
Unheimlichem, nach dem Grauen und nach der "Angst an sich" befriedigt?
A: Die Freimaurerei entstand aus den freien Architekten des
Mittelalters, die sich vor Konkurrenz schützen wollten. Das
Rosenkreuzertum bezog seinen zündenden Funken aus einem damaligen Roman
des Mittelalters. Scientology ist eine Neu-Religion, die Religion des
Herrn Moon ebenfalls. Der in letzter Zeit bekannt gewordene zürcher
Verein für Psychologische Menschenkenntnis (VPM) ist kein Orden,
sondern eine psychologisch orientierte Gruppierung, trotzdem wird der
Verein von seinen Kritikern als "Sekte", sogar als "Psycho-Sekte"
bezeichnet. Es wäre oberflächlich, allen Bemühungen, die abseits der
Landeskirchen stattfinden, die Sinnfragen des Lebens abzusprechen.
Materielle Ziele finden sich überall, ob im Vatikan, oder in den
Geheimorden. Aber was für materielle Ziele will oder könnte ein
Mitglied erreichen, das in einen okkulten Orden eintritt, der kaum ein
Dutzend Mitglieder aufweist, eh nur irgendwo im Hinterland in den
Hinterzimmern von Landbeizen sich trifft, oder auf dem Friedhof das
Skelett von Onkel Franz ausgräbt? Sicherlich könnte man die
Mitgliederbeiträge in diesem zweifelhaften Lichte sehen, es ist jedoch
eigentlich nur die Scientology, die sich das Ziel gesteckt hat, mit
Geld die Welt zu regieren. Okkult-Orden pauschal als
"Bedürfnis-Anstalten" abzutun, wo das Gruseln gelehrt wird, wäre der
Suche nach dem Sinn des Lebens unrecht tun.
F: Besteht zwischen den im Buch erwähnten Teufelsorden und den
bekannten Orden wie Freimaurer, Rosenkreuzer, Malteser usw. eine
Beziehung?
A: Als erstes müsste man den Begriff "Teufelsorden" klären, der
meines Erachtens irreführend ist. Niemand betet den christlichen Teufel
an, der, schweisselnd, mit Bocksfuss und einer Horde Hexen im
Schlepptau, Böses tut. Vom christlichen Standpunkt aus ist alles
Teufelswerk, was nicht Jesus Christus im Mittelpunkt seines Weges hat.
Astrologie, Tarot, Pendeln, die Ableugnung der Jungfräulichkeit Marias
etc. sind alles Blendwerke des "Teufels". Im Laufe der Jahrtausende,
schon lange Zeit vor Beginn des Christentums, wurde in den meisten
Weltreligionen über Gut und Böse nachgedacht und den beiden Polaritäten
verschiedene Stellenwerte zugesprochen. Das, was in den sogenannten
"Teufels-Logen" geglaubt wird, lässt sich nicht auf einen einheitliche
Nenner bringen. Um den Bogen zum Krimi von Werner Schmitz zu spannen:
In der "Fraternitas Saturni" stellt Saturn ein prüfendes Prinzip dar,
das gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen schwingt. Eine davon ist zum
Beispiel Lucifer, der Licht- also Wissensbringer. Es gilt jedoch, das
saturnische Prinzip zu überwinden, um sich unter den Einfluss des
nächsten Planeten, Jupiter, zu stellen, dessen mildes Licht verzeihende
Güte bringen wird. Der Kampf um Gut und Böse wird zu Gunsten des Guten
enden. Zurück zur Frage. Es gibt nur insoweit eine Beziehung zwischen
den Orden, seien es Freimaurer, Rosenkreuzer, Malteser etc., dass alle
einen Heilsweg (meist christlicher Art) anbieten. Manchmal kann sich
das hierarchische Prinzip der Ordensstruktur ähneln, manchmal gibt es
Doppelmitgliedschaften - aber ansonsten keine Berührungspunkte.
F: Wie waren/sind die Logen organisiert? (Muss man in der
Vergangenheit schreiben oder gibt es sie immer noch?) Gab es da einen
"Oberloger"? Konnte man sich "heraufdienen"? Kostete die Mitgliedschaft
etwas? Gibt es internationale Verbindungen?
A: Die meisten Logen orientieren sich nach dem freimaurerischen
Vorbild der Ordensgrade. Das können 7, 10, 33 oder mehr sein. Man
beginnt unten und arbeitet sich im Laufe vieler Jahre hinauf, je nach
Wissen, das man sich aneignet. Selbstverständlich gibt es solche Logen
noch. Jeder Loge steht ein Logenmeister bevor. Freimaurerlogen sind
weltweit geführt, aber auch da gibt es wieder Konkurrenzkämpfe: Die
französische Grossloge wird von der englischen nicht anerkannt. Jedes
okkulte Grüppchen hat seinen "Guru", der das ideologische Material
liefert, vielleicht einen anderen (oder denselben), der administrativ
die örtliche Gruppe leitet, oder weltweit die Fäden in der Hand hält.
Internationale Verbindungen bestehen nur innerhalb derselben Gruppe.
Meist grenzt man sich stark von anderen Gruppen ab. Da es sich aber um
Minderheiten handelt, oft kaum ein Dutzend Mitglieder, sind es meist
nur Worthülsen ("Unser Heiliger Orden"), die den Mitgliedern etwas
pompös Grosses vorgaukeln. Die Mitgliedschaftskosten hängen von Gruppe
zu Gruppe ab. Soweit ich weiss, verlangt die Fraternitas Saturni 15-20
DM pro Monat.
F: Teufelslogen und Sonnentempler: Haben diese Gruppierungen
etwas miteinander zu tun? Gibt es etwas Verwandtes in der Anlage der
Orden und der Sonnentempler?
A: Die beiden Gruppierungen kann man nur insoweit miteinander
vergleichen, als beide eher im Geheimen wirken und bei beiden die
Mitglieder nach Erlösung, Heil oder zumindest Kontakt mit etwas
Göttlichem suchen. Verwandtschaft besteht in der Ähnlichkeit des
Ordensaufbaus, also der hierarchischen Struktur, aber ansonsten gibt es
keine Berührungspunkte. All die unzähligen Orden, Logen und sonstigen
Grüppchen sind zu zahlreich, zu sehr im Untergrund, als dass man da
eine Verbindung konstruieren könnte.
F: Nach dem grossen Gruppenselbstmord der Sonnentempler in der
Schweiz von 1994 hat man Bilder über die Ausstattung des "Tempels"
gesehen. Es gab Umhänge für die Teilnehmer und den "Boss" an den
Wänden, an der Hauptwand - vergleichbar einer Kirche, wo der Altar und
die Kanzel sind - stand ein Tischchen mit Gegenständen, und ein rotes
Tuch verdeckte die Mauer. Welche Bedeutung haben solche Gegenstände?
Werden sie angebetet oder dienen sie dem "Gottesdienst"? Wir wählen
hier dieses Wort, weil die Handlungen vermutlich mit einem kirchlichen
Gottesdienst verglichen werden können. Ist das so?
A: Ich glaube kaum, dass es irgendeine Glaubensrichtung gibt, in
der Gegenstände angebetet werden (obwohl eine gewisse Art von
Reliquienverehrung sogar im Katholizismus zu finden ist). Etwas anderes
wäre es, wenn Gegenstände eine Transsubstantiation erfahren würden, so
wie es das Brot und der Wein während einer katholischen Messe tun, die
durch einen "magischen" Akt des Priesters tatsächlich Leib und Blut
Christi werden - im Gegensatz zur protestantischen Kirche, wo dieser
Akt nur symbolhaft ist. Selbstverständlich lehnen sich die meisten
Neureligionen hier im Westen in Habitus, Paraphernalien und Ritus an
die Landeskirchen an. Das Wort "Gottesdienst" erfährt unter Umständen
neue Inhalte, je nachdem welcher Gott, welche Art Göttlichkeit Zentrum
ist, oder ob letztendlich der Mensch selber Gott werden soll. Der
Umhang im Okkultismus soll negative Kräfte abhalten und ggf. die
hierarchische Stufe im Orden signalisieren. Altar und Kanzel haben
eigentlich immer dieselbe Bedeutung wie in den Landeskirchen. Ein rotes
Tuch an der Wand soll wahrscheinlich nur die hässliche Wand verdecken.
Die Farbe rot kann je nach Glaubensvorstellung Blut, Feuer o.ä.
bedeuten.
F: Die Frage nach den Verbindungen zu den heute so aktiven
Scientologen, Moonies oder dem VPM liegt einem nahe. Ist es bei den
Teufelslogen auch so, dass man kaum mehr hinausfindet, wenn man einmal
dabei ist? Findet eine Art Gehirnwäsche statt oder sind das
Freizeit-Orden?
A: Gehirnwäsche findet immer nur dann statt, wenn ein
Aussenstehender sie so definiert. Sobald eine Glaubensrichtung in
glückhafter oder psychologisch verankerbarer Wechselwirkung mit dem
Glaubenden steht, ist es unter Umständen gar nicht mehr nötig, da
"hinauszufinden". Das gilt für das Christentum genauso, wie für Leute,
die an Astrologie glauben oder an Lucifer. Der Begriff Freizeit-Orden
ist dann falsch, wenn es sich tatsächlich um religiöse Gemeinschaften
handelt. Glaubensausübung kann nicht nur in der Freizeit stattfinden.
F: Der Name "Baphomet" klingt ägyptisch - was heisst der Name
und woher kommt er? Gibt es eine Beziehung zur Mythologie der alten
Kulturen? Ist diese Beziehung nur "geblufft", so wie in den
Abenteuerfilmen mit James Bond?
A: Was Baphomet genau ist, weiss niemand. Als die alten Templer,
die vom französischen König, dem deutschen Kaiser und dem Papst nach
Jerusalem geschickt wurden, um den Tempel Salomons wieder dem
Christentum einzuverleiben, dann schliesslich auf den Scheiterhaufen
landeten, weil sie sich unterwegs zuviele Schlösschen einverleibten,
wurden sie vorher gefoltert, damit man auch Gründe finde, um sie zu
vernichten. In den vielen Tausend Folterakten wird "Baphomet"
vielleicht 2-3 mal erwähnt, er ist also für die Neu-Religionen und
Orden ein idealer Projektions-Terminus, in den man alles mögliche
hineingeheimnissen kann. Es hat sich eingebürgert, in Baphomet
Männlich-Weiblich zugleich zu sehen, oft wird er auch mit dem "Teufel"
identifiziert, also mit allem, was das Christentum "schlimm" findet.
Beziehungen zur Mythologie alter Kulturen findet man immer. Selbst im
Christentum, wo der 25. Dezember ja aus dem Mithras-Kult stammt.
F: Wo sind in diesem Ordensgerangel die Hexen zu Hause? Die
haben doch auch einen Bund mit dem Teufel, so heisst es?
A: Hexen sind in der Natur zu Hause, also kaum in Orden. Falls
sich Hexen überhaupt organisieren, dann in sogenannten "Coven". Dies
ist eine Bewegung, die erst in diesem Jahrhundert in England entstanden
ist. Orden sind meist nach dem männlichen Prinzip aufgebaut, Coven nach
dem weiblichen. Man kann diese beiden Richtungen nicht miteinander
vergleichen. Der "Teufel" hat bei modernen Hexen nicht mehr viel
verloren.
F: In den Ritualen wird immer wieder das (religiöse) "Opfer"
vollzogen. Welche Opfer wurden dargebracht und wie stand der einfache
Teilnehmer zu diesen Opferungen? Hat er dadurch seine Sünden abstreifen
können oder wurde er "einsichtiger"? Was hatte der einfache Teilnehmer
davon? Wurden da so "unanständige Sachen" gemacht, damit sich die
Teilnehmer nur schon deswegen an die Loge gebunden fühlten? Was waren
denn die geheimnisvollen, immer angetönten und selten erwähnten
gruusigen Sachen?
A: Man müsste zuerst den Begriff "Opfer" untersuchen, aber die
Frage zielt wohl auf Blutopfer ab. Nun, die Hauptsache, warum Blut
fliesst ist, weil Blut eine magische Bedeutung hat (die auch wieder
differieren kann). Falls man überhaupt Blut braucht, dann Tierblut. Es
kann ja auch Sperma verwendet werden. Es geht schlussendlich um das
Prinzip "Leben". Die Frage "wie stand der einfache Teilnehmer dazu":
Wenn er sowas nicht mit seinem Glauben vereinbaren kann, steht es ihm
jederzeit frei, zu gehen. Der Begriff "Sünden abstreifen" stammt aus
dem Christentum und hat bei den meisten Orden etc. nichts verloren, da
"Sünde" unter Umständen komplett anders definiert wird. Da es bei den
meisten Orden und Neu-Religionen um eine Göttlichkeit innerhalb des
Menschen geht, kommt es lediglich darauf an, sich bewusst zu werden:
"Es gibts nichts am Menschen, das nicht göttlich wäre" - also auch die
sog. Sünde. Die Frage nach den "gruusigen Sachen" ist wieder eine
andere. Ich persönlich denke auch, dass das Blutfliessen und der Sex,
der manchmal stattfindet, sicher ein Anziehungspunkt ist. Für den
"Glaubenden" jedoch ist es eine "natürliche Notwendigkeit" im
Glaubenssystem, oft nicht einmal eine zentrale.
F: Im Buch werden Lieder mit unverständlichen Worten z.B. Aosa,
Azaroth, Zariatnatmik erwähnt. Ist das ein Trick, um die Sache
geheimnisvoll zu machen oder haben diese Wörter eine Geschichte und
Bedeutung?
A: Die "barbarischen Namen", die während des magischen Aktes
oder einer Messe "vibriert" werden, sind traditionell in der magischen
Geschichte verankert. Jeder Engel, jeder Geist oder Dämon hat seinen
bestimmten Namen. "Am Anfang war der Logos", also das Wort, steht in
der Bibel; selbst Rumpelstilzchen konnte mit seinem eigenen Namen
gebannt werden. Im Okkultismus werden die Namen gebraucht, um die
dazugehörige Wesenheit herbeizurufen oder zu bannen, ihr zu befehlen
oder sich auch von ihr besessen machen zu lassen.
F: Mit welchen Versprechungen oder welchem Köder werden neu
Mitglieder angeworben? Was ist der Magnet, der Menschen an solche
Rituale heranzieht?
A: Nun, die Geheimorden werben natürlich nicht. Da ist es das
"Numinose", das den Suchenden anzieht, der eh eine religiöse Heimat
sucht. Scientology, die offen wirbt, will die Menschheit, den Planeten
zum Heil führen. Was aber der Magnet ist, der Menschen an solche
Rituale führt, liegt immer im jeweils persönlichen Bereich des
Einzelnen. Ich denke, da einen gemeinsame Nenner zu finden, ist kaum
möglich. Nach meiner Erfahrung leiden die meisten solcher Menschen an
einem Manko psychologischer Art: Der Orden ist oft Mutterersatz und der
jeweilige Führer Vaterersatz.
F: In der Geschichte spielt auch eine Art Voodoo-Zauber, ein
andermal eine "Schwarze Messe" ein Rolle. Hat der Autor hier zwecks
Publikumfangs verschiedene Sachen miteinander vermischt? Sind schwarze
Messen eher etwas für "hart-romantische" Jugendliche? Hat Ferntötung in
diesen Logen einen festen Platz?
A: Man sollte wissen, dass der Autor Polizist ist und
Okkultismus einerseits lächerlich und anderseits auf doch mögliche
Gefahren aufmerksam machen will. Deshalb verwendet er entsprechende
Begriffe. "Voodoo" stammt aus Afrika und Lateinamerika und bewegt sich
ganz im Pantheon entsprechender Gottheiten. Das
Ähnlichkeitsprinzip zwischen einer Puppe und einem Menschen ist
jedoch westlich und wurde schon von Hippokrates formuliert. Es ist eine
der Grundlagen magischen Denkens. Voodoo hat im Westen nichts verloren
und wird kaum angewandt, schon sicher nicht von den hier beheimateten
okkulten Geheimorganisationen (obowhl in den esoterischen Heftchen in
letzter Zeit ein paar Voodoo-Damen inserieren). "Schwarze Messe" ist
ein Gummibegriff, der in Geschichte und Literatur unzählige
Definitionen erfahren hat. Marquis de Sade führte (zumindest
literarisch) Hostien in die Vagina ein. Ist dies nun eine Schwarze
Messe? Oder muss man bei einer solchen das Vaterunser rückwärts beten?
Es hängt nicht nur von der Definition ab, sondern auch vom Standpunkt
des Beobachters. Alles, was keine landeskirchliche Messe ist, kann als
Schwarze Messe gelten. Was "hart-romantische Jugendliche" sind, weiss
ich nicht. Ferntötung ist sicherlich kein fester Bestandteil einer
Loge. Falls man magisches Denken vollzieht, ist sowas natürlich auch
möglich. Es wird jedoch von fast allen Magiern abgelehnt, Magie zu
betreiben, die Schaden könnte, weil im magischen Denken sowas
automatisch auf den Ausübenden zurückfällt. Hier im Krimi von Schmitz
taucht die Satanistin Beta auf, die im wirklichen Leben Ulla von Bernus
heisst (und sogar noch von Rudolf Steiner persönlich in dessen
christlichen Kirche getauft wurde). Frau von Bernus gehört keiner
Geheimloge an, obwohl sie mit einigen Protagonisten persönlichen
Kontakt pflegt. Frau von Bernus unterhält Kontakt mit dem (ihrem!)
Teufel, der ihr die Lottozahlen durchgibt und ihr bei sogenannter
"Ferntötung" hilft. Es hat sich aber herausgestellt, dass ihre Dienste
nicht wirkten. Sie wurde deshalb einmal von einem Klienten für 30'000
DM eingeklagt. Falls Ferntötungen vorgenommen werden, dann sicherlich
nur im privaten Bereich, ob man nun in einem Orden ist oder nicht.
Ausser der Orden selbst wird bedroht. In einer Ablegergruppe der
Fraternitas Saturni hat man zu Ostern 1992 auf einem Friedhof in Ankum
ein Ritual zelebriert, um etwelche Bösewichter, die dem Orden Schaden
zugefügt zu haben schienen, abzuhalten. Es floss kein Blut, lediglich
Sperma. Noch schnell etwas zu der Gefährlichkeit okkulter Praktiken.
Selbst die Astrologie kann den Glaubenden soweit in die Unmündigkeit
treiben, dass ihm der nahe Tod vorausgesagt wird, was grosses Unglück
hervorrufen kann. Viele Schüler, die den Anleitungen in der
Jugendzeitschrift "Bravo" folgen, erhalten durch Tische-Rücken, Pendeln
oder Gläser-Rücken von Satan plötzlich den Auftrag, den eh schon
ungeliebten Mitschüler, das kleine Brüderchen oder sich selbst aus dem
Fenster zu werfen. Dies sind natürlich psychologische Phänomene, zeigt
aber, dass Okkultismus "Unordnung" im Individuum erzeugen kann.
F: Im Krimi wird immer wieder der Unterschied angetönt zwischen
"echten" Teufelslogen und "Erotikmarkt-Seancen". Es scheint, dass unter
dem Deckmantel der Ernsthaftigkeit eine Art kommerzielles Sexbusiness
sein Unwesen treibt. Wo ist da die Grenze? Gibt es überhaupt ernsthafte
Teufelslogen?
A: Es gibt keine klare Grenze zwischen reiner Geldmacherei im
Rahmen des Esoterik-Booms und "echten" Logen (ich klammere den Begriff
"Teufel" nun endlich aus). Man sollte unterscheiden zwischen
organisiertem Okkultismus, also den Logen, und dem Okkultismus, der
jeder alleine oder im Freundeskreis betreiben kann. Astrologie, ganz
klar dem Soft-Okkultismus zuzuschreiben, findet heutzutage schon fast
überall statt. Okkultismus jedoch dem Sexbusiness zuzuordnen, heisst,
seinen eigenen Projektionen zum Opfer gefallen zu sein. Sex als
Bestandteil oder Zentrum der Glaubensausrichtung ist äusserst, wirklich
äusserst selten, das dazu gehörige Glaubenssystem und die
Ordens-Struktur dermassen speziell und kompliziert, dass sich jegliche
kommerzielle Auswertung von selbst ausschliesst. Als ernsthafte Loge
kann man jede bezeichnen, die eine historische Tradition aufweisen
kann; denn Business- oder Freizeitlogen überleben den nächsten Sommer
kaum.
F: Zum Schluss eine Frage zur Haltung des Autors: Er beginnt
ironisch, mit guten Sprüchen und ketzerisch. Je ernster die Story wird,
umso ernster wird auch der Autor, kann es sich aber nie verkneifen,
sich auch ein wenig über die "Gläubigen" lustig zu machen. Und dann
muss er erleben, dass sein Sohn bei den "Jugendlichen Teufelsanbetern"
mitmacht. Ist das eine vernünftige Haltung gegenüber den Teufelsorden?
Wie soll man sich ihnen gegenüber verhalten? Sind sie irgendwie ernst
zu nehmen?
A: Werner Schmitz, ich kenne seinen wahren Namen nicht, spiegelt
die übliche irritierte Haltung des Aussenstehenden gegenüber dem
Phänomen Okkult-Orden wieder. Wie weit soll Aufklärung gehen? Ist das
Bemühen des Menschen um Wahrheit, wo auch immer die Suche hinführt,
lächerlich zu machen, oder streifen wir damit nicht, selbst als
Kritiker, einen Ur-Grund des Menschseins, wo uns das Lachen vergeht? Im
Laufe der Zeit haben sich verschiedene Haltungen gegenüber Okkult-Orden
herauskristallisiert. Die Landeskirchen haben sich jahrelang falsch
verhalten und solche Phänomene ignoriert oder verteufelt.
Missionarisches Verhalten a la Lächerlichmachen oder auf Christus als
alleinseligmachenden Weg hinzuweisen scheint verfehlt. Heutzutage
sollte undogmatische Aufklärung, so objektiv wie möglich, die beste
Lösung sein. Sich informieren und darüber reden können hilft dem
Menschen auf seiner Suche nach dem Sinn des Lebens.
© P.R. König, März 1995/2000
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