Ordo Templi Orientis - Ekstatische Erzeugung von Kultur



Ordo Templi Orientis Phänomen







     

   Ekstatische Erzeugung von Kultur

      P.R. Koenig

        




Wir konzentrieren uns auf folgende Stichworte und Aspekte des Okkultismus:
  1. Aleister Crowleys magische Religion als Grundlage des modernen Okkultismus
  2. euphorische Trance-Bilder
  3. Kabbala als Wortkitt zwischen den Realitaeten
  4. an okkulte Orden gebundener Okkultismus und "freie" Okkultisten


Die Realitaet einiger Okkultisten wird, ausgeloest durch Sexpraktiken, kabbalistisch transzendent mithilfe euphorischer Trance. Setzt sich Herbert Marcuses "Libido als transzendentales Prinzip der solidarischen Erfahrung" im okkulten Untergrund der Kultur um?

Rationales und Irrationales werden in einem erweiterten Konzept des Bewussten eins; werden Orientierungshilfen menschlichen Verhaltens. Trotzdem bleibt immer die Frage offen, weshalb und wie Visionen entstehen und erfahren werden. Einzig sicher ist allein, dass "etwas" auf einem unbekannten Level des Bewusstseins erfahren wird. Dieser Artikel ist nicht der Platz um die Erfahrung von Realitaet, ihre Abhaengigkeit vom Bewussten (ob kollektiv postuliert oder nicht) zu diskutieren, noch wird die Rolle des Hirns erwaehnt. Nicht "weshalb" Visionen sind (etwa als Ausdruck von Angst vor dem Sichtbaren), sondern "auf welche Weise" sie als Visionen existieren, soll Thema sein: und "welchen Beitrag zur Kultur kann diese Art von Okkultismus leisten?"

"Die Heiligen Buecher" der Propheten, z.B. von Aleister Crowley, sind fuer deren Anhaenger Bewusstseinsveraendernde Schluessel. Crowleys "inspirierte" Schriften entschluepfen ihrem Kokon als "himmlische" Kurzschrift und Anleitung und werden mithilfe eines Wortklebers (der Kabbala als "virtual reality") interpretiert. Sie werden fuer den magischen Hausgebrauch symbolisch dekodiert und den bewusstseinserweiternden Beduerfnissen angepasst. Dabei bleibt es unerheblich, ob Kreativitaet im Austausch mit dem Phaenomen (z.B. Trance) entsteht, oder erst durch die Beschaeftigung damit im Nachhinein. Imagination und Interpretation werden austauschbare Indikatoren von Realitaet und "heiligen Bildern". Crowleys Anhaenger nennen dies "magische Sukzession": auf den Visionen anderer Anhaenger aufzubauende eigene Bewusstseinsveraenderungen. Die Kreativitaet, die durch Visionen freigesetzt wird und das Kommunizieren darueber, verdichten die Realitaet dieser Erfahrung und machen sie "heilig". Diese Alchemie veraendert den Autoren und sein Text wird so ein "magisches Kind": eine jenseitige Welt zum Vorzeigen in der diesseitigen. Dieses Sichtbarwerden, das detailreich Trancebilder beschreibt, scheint experimentell: verschiedene zusammenprallende Sichtweisen, abrupte Assoziationsspruenge, sinnliche Erfahrungsfetzen kombinieren sich. Der Okkultist scheint ueber keine wohldefinierte oder unzersplitterte Persoenlichkeit mehr zu verfuegen (verglichen mit dem traditionellen Konzept von "Ich").

Der undefinierbare Moment der Visionen bestimmt eine neue Funktionsweise des Auges: ein Sehen, dass sich ueber alles Bekannte hinausdehnt, bis kein Blick mehr sieht, was einfach ist. Ueberschuss an erfahrungsrelevanter Unbestimmtheit und Ungenauigkeit (z.B. das Fehlen einer Exegese eines Symboltraegers, wie "Baphomet") erlaubt dem nicht an Dogmen gebundenen Okkultisten individuelle Relationen von Zeichen und Bezeichnetem, neue Codes und eine neue Rhetorik zum Ziele neuer Strukturen. Visionen werden menschliche Erweiterungen, um Gnosis "zu erreichen", um im Pleroma aufzugehen. Durch Interpretationsbeduerftigkeit entsteht ein Reflexionszuwachs, bei dem keine individuelle Urheberschaft (oder Regulation durch ein Ordensoberhaupt) mehr noetig wird. Magische Sukession ruft nicht nach einer stetigen Wiederholung staendiger Inszenierbarkeit (wie z.B. beim OTO mit seinen Ritualen), sondern ist eine Metapher fuer die Kontinuitaet von Illuminationsstrategien.

Als Organisator von in Trance erlebten Bildern, reflektiert der "freie" Okkultist die archaische Schoepfungs-Idee des idealistischen Aesthetizismus. Er loest materialistische Autorenschaft auf (aehnlich den Konzepten von Marcel Duchamps oder Andy Warhol), indem er im Trance-Zustand neu-organisiert, was schon existiert. Auf diese Weise werden alte Traditionen zu einem neuen Ganzen zusammengeschmolzen.

Wie der Surrealismus, will der Okkultismus die Grenzen der rationalen Philosophie und Logik (a la Descartes) aufbrechen. Okkultismus basiert auf dem Glauben an "hoehere" Realitaeten von bestimmten Assoziatonsformen mithilfe von Kabbala, dem Glauben an die Macht von Traum- und Trancebildern und in den vom Intellekt unzensurierten Wortstrom. So viele Stimmen, Farben und Materialien wie nur moeglich werden in der Untergrundkultur des freien Okkultisten empfangen. Eine Euphorie von Bildern und Stimmen bestimmt seine Identitaet und Reflexion. Wie jedes Utopia bezieht auch dieses seine Energie aus der Sehnsucht nach einer grenzenlosen Welt und enthuellt den archaischen Wunsch, einerseits Herr ueber die eigene Welt zu werden und anderseits, den Ketten aller Welten zu entfliehen. Gnosis verlangt nach einer Hinwegsetzung ueber die Struktur des Lebens selbst.

Der Okkultist strebt nach Weltherrschaft und schwankt ambivalent zwischen der Kulturzerstoerung (durch Widerstand gegen die herrschende Moral) und der Erhaltung der Hoch- und Massenkultur (da er deren magische Tradition benoetigt). Es gibt keine ebenbuertige signifikante Alternative zu diesem absoluten Anspruch. Deshalb strauchelt der Okkultist transzendental zwischen kultureller Anziehung und der Hoffnung, die existierende Kultur zu zerstoeren.

Die Durchdringung mit aesthetischer und/oder libertiner Eksase zelebriert heutzutage neue Kulte. Verglichen werden kann dies mit der Geschichte des spirituellen Okzidents (kabbalistische Enzyklopaedien der Renaissance und der humanistische Glaube an das Gute und Soziale). "Wer spricht denn hier?" bringt uns zu der Frage des okkulten Mechanismus von Stimmen und Bildern. Dieses Thema muss von der kulturellen Frage separat behandelt werden und bleibt nur von Bedeutung fuer die Rechtsabteilungen okkulter Organisationen. In der Welt des "freien" Okkultisten (ordensunabhaengig) ist alles von gleicher Bedeutung resp. Un-bedeutung. Als Subjekt ist er von der Schwerkraft seiner Einzigartigkeit befreit und wird Plattform fuer Einfluesse aller Art. Die Vermischung ist alles und wird ein potentielles unerschoepfliches Reservoir an Zeichen. Die Sintflut von Stimmen und Bildern wird von ihrem Empfaenger individuell entschluesselt. Das okkulte Utopia versucht, sich als weltweites Netz vereinigter Einzelindividuen zu realisieren und will die Gesellschaft und die Kultur nachhaltiger veraendern als jede Art von Sozialismus. Dieses Netzwerk, eine Art okkultes Internet, hebt jegliche geographische oder soziale Distanz auf und entpuppt sich als Freiraum jenseits juristischer Grenzen - trotz Gegenwehr verschiedener Vereinigungen und staatlichen Organisationen, die Kontrolle ausueben wollen.

Es sind eher System-immanente Mechanismen, die der Effektivitaet und dem Bluehen der okkulten Kultur Grenzen setzen.

Soll der Empfaenger (der Trance-Eindruecke) jede Vision und jede Stimme akzeptieren, die er empfaengt? Soll er sich freiwillig Grenzen setzen, indem er sich einer Auswahl von Impulsgebern aussetzt (z.B. okkulten Organisationen oder Traditionen, wie z.B. Crowleys Thelema); oder soll er bewusst sein eigenes Programm im esoterischen Supermarkt starten, das universell gepluendert nur noch einen voellig entleerten Schatz voelliger Subjektivitaet hinterlaesst?

Die Entwicklung okkulter Kultur wird von okkulten Organisationen (zB O.T.O.) verhindert, da deren totalitaerer Anspruch an Kultur (so wie in jeder kulturellen Gesellschaft) aus "Wiederholungen" von Ritualen, Zeichen etc und wenig originellem Gedankengut oder Praxis besteht. Vom Individuum wird erwartet, dass es sich in der kulturellen Wiederholung findet, die Kreativitaet hemmt. Der oberste Visionaer (Chef-Idoeloge), Bedeutungsgeber, Bildermacher- und benenner, eine Quelle moderner okkulter Stroemungen ist Aleister Crowley (selbsternannter Fuehrer einer O.T.O.-Version). Seine visionaere Blaupause wird von seiner defizitaeren Biographie ueberschattet. Crowley starb 1947 und wird nun kontrolliert von selbsternannten Copyrightsinhabern: einer O.T.O.-Gruppe von 1977, die angibt wie die Lust- und Koerperbeduerfnisse zu kontrollieren sind. Besonders zeigt sich diese Koerper-und Bewusstseinskontrolle in der rigorosen dogmatischen Anwendung dessen, was Crowley in der euphorischen Trance an vorgefertigen Bildern und Anweisungen als dogmatische Rezeptur hinterliess (z.B, "729 = Baphomet") und der Reduzierung von Sexualitaet auf religioes verbraemte ritualisierte Sexualmagie. Sinnlichkeit wird ein Theaterkrieg kultureller Erzeugung. Die bewusste Selbstversklavung (kontrolliert durch die Copyrightsinhaber der okkulten Doktrin) dient als radikaler Gegenentwurf zur Mainstream-Kultur. Unterwerfung unter das okkulte Dogma wird als Bereich der Befreiung interpretiert - obwohl die angestrebte Ego-Aufloesung sich als Produkt eines Ueberich herausstellt.

Der Okkultist versteht sich zugleich als Rebell und Narzist, der sich innerhalb und gleichzeitig ausserhalb der vorherrschenden Kultur stellt. Seine dogmatisierte Bilderverehrung (z.B. To Mega Therion) definiert sich als ein Bilderbann (z.B. in der Ablehnung des Christentums oder jeglicher Kritik). Er versteht sich als Teil einer Elite, und als reflektierender Psychopath will er sich selbst neu erschaffen. Manche gehen sogar so weit, ihr genetisches und familiaeres Material mithilfe okkulter Praktiken bewusst steuern und veraendern zu wollen. Der Koerper, insbesondere der Kopf, wird nicht nur als metaphorischer Sitz von Wahrnehmung und Denken mehr definiert, sondern als Nervenschaltpult, an dem alle durchstroemenden Informationen wie am Mischpult neu koordiniert werden koennen (siehe P.R. Koenig: "Abramelin & Co.").

Der Okkultist ist einzig an der Intensitaet seiner Erfahrungen interessiert. Okkulte Kultur meint auch den Untergang linearen Denkens. Der so moeglicherweise eingegrenzte Daseins-Raum dient als Metapher fuer den Verlust von Referenz und Bedeutung. Deshalb stranden solche okkulten Utopien: nur wenige Kultursuchende sind faehig, endgueltig mit der Tradition und der Mainstream-Kultur zu brechen. Deshalb bleiben die meisten Hard-core-Okkultisten in ihrer Hoffnung auf Erloesung stecken und schwanken zwischen Erholung in der jenseitigen und in der dogmatisch bedeutungslos zu seienden diesseitgen Welt. Entweder am Kuechentisch oder im Ehebett. Dies nennen sie Gnosis - und sie wird von hierarchisch strukturierten Organisationen im Vereinsregister kontrolliert, deren Selbstreflektion sich als kritikimmunes selbstverweisendes System enthuellt, das jegliche okkulte Subkultur unterdrueckt und laehmt. Selbst dem angefressensten Romantiker duerfte es aufgegangen sein, dass der Okkultismus keine Domaene von Originalitaet, Wahrhaftigkeit und Guete ist.

Dieses von Okkultisten unreflektierte Kommunikationssystem dient jedem, der willens ist, es zu benuetzen. Deshalb manifestiert sich Okkultismus meist in schon bestehenden Strukturen (z.B. machtorientierten Organisationen wie O.T.O.), oder setzt sich in sozial-kulturellen Nischen von Angst und Agressionen nieder ("Satanismus", "Geheimgesellschaften", "Juedisch-Freimaurerische Weltverschwoerung"). Unzaehlige sich konkurrierende Organisationen (zB O.T.O.-Gruppen) zeigen keinen Weg ins gelobte Land des New Age des Aquarius auf: nur den Rueckzug auf altbekannte Werte von Macht und Konsum in einem Universum, das sich dem Kult von Objekten und religioesen Artefakten ausliefert (Sammler zahlen Unsummen fuer Crowleys handgeschriebene Einkaufszettel).
Doppelbedeutungen werden Standard, Stimmung wird Programm, Selbstwahrnehmung wird als kulturelle Leistung interpretiert und reine Einbildung als Entdeckung. Dogmatisierung infantilisiert die Inhalte und diejenigen, die Klarheit wollen, finden sich eingehuellt in Ritualen der Selbstaufloesung, die das angestrebte Ziel nicht erfuellen.

Im heutigen Zirkus der Weltbilder entpuppt sich der Okkultismus als eine Weiterfuehrung von Moden, Gewohnheiten und Manieriertheiten sich selbst darzustellen: als eine Pseudo-Originalitaet. Die kulturelle Realitaet des Okkultisten weist auf den symbolischen Zusammenbruch der Bilder und deren Reduzierung auf hierarchisch geordnete Signale hin. Erleben, Aufzeichnen und Verarbeiten werden bewusstseinsausloeschend auf vorgefertigte Bilder reduziert. Der Schritt vom Finden zum Erfinden wird methodisch-mathematisch aufgeruestet. Crowley und seine Anhaenger betaetigen sich als archaische Bastler an den Nahtstellen der Verstrickungen zwischen einer sichtbaren und unsichtbaren Welt, wo sich Unerhoertes aus dem unergruendlichen Reich mitteilen will. Dies wird auch mit dem Motto von Crowleys Zeitschrift "The Equinox" ausgedrueckt: "Die Methode Wissenschaft - Das Ziel Religion."

Was bleibt, ist die Inflation von Gnosis und Ego.


© P.R. Koenig
erschienen in GNOSTIKA #4, Oktober 1997
A.A.G.W.
Lothar von Kuebelstrasse 1
D 76547 Sinzheim
Deutschland


tradução portuguesa: Criação Extática de Cultura
english version: Ecstatic Creation Of Culture

Aura of the O.T.O. Phenomenon Spermo-Gnostics and the Ordo Templi Orientis   Introduction to the "Ascetic and Libertine Gnostics"   [version July 99] The Correct Gnosticism: The ascetic roots of the O.T.O. Halo of Flies, a contribution to Richard Metzger's "Book of Lies" Part One of Smoke Gets In Your Aiwass. All about Angels and Abramelin Ecstatic Creation of Culture Use of the Internet  A questionaire
The McDonaldisation of Occulture [update 1999] Proto-Fascist Elements in the O.T.O.
Nosferatu's Baby -- Too Hot To Handle Saturn-Gnosis   a portrait of the Fraternitas Saturni and its magical link to the Ordo Templi Orientis Saturn's art of living and loving Das Milieu des Templer Reichs - Die Sklaven Sollen Dienen. Hanns Heinz Ewers - Lanz von Liebenfels - Karl Germer, Arnoldo Krumm-Heller - Martha Kuentzel - Friedrich Lekve - Hermann Joseph Metzger - Christian Bouchet - Paolo Fogagnolo - James Wasserman. Unbequeme Aspekte in der Geschichte von O.T.O. und Thelema


Mehr über diese Orden und ihre Protagonisten in: Andreas Huettl und Peter-R. Koenig: Satan - Jünger, Jäger und Justiz

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