Ordo Templi Orientis - Ekstatische Erzeugung von Kultur
Ordo Templi Orientis Phänomen
Ekstatische Erzeugung von Kultur
P.R. Koenig
Wir konzentrieren uns auf folgende Stichworte und Aspekte des Okkultismus:
Aleister Crowleys magische Religion als Grundlage des modernen Okkultismus
euphorische Trance-Bilder
Kabbala als Wortkitt zwischen den Realitaeten
an okkulte Orden gebundener Okkultismus und "freie" Okkultisten
Die Realitaet einiger Okkultisten wird, ausgeloest durch Sexpraktiken,
kabbalistisch transzendent mithilfe euphorischer Trance. Setzt sich
Herbert Marcuses "Libido als transzendentales Prinzip der solidarischen
Erfahrung" im okkulten Untergrund der Kultur um?
Rationales und Irrationales werden in einem erweiterten Konzept des
Bewussten eins; werden Orientierungshilfen menschlichen Verhaltens.
Trotzdem bleibt immer die Frage offen, weshalb und wie Visionen
entstehen und erfahren werden. Einzig sicher ist allein, dass "etwas"
auf einem unbekannten Level des Bewusstseins erfahren wird. Dieser
Artikel ist nicht der Platz um die Erfahrung von Realitaet, ihre
Abhaengigkeit vom Bewussten (ob kollektiv postuliert oder nicht) zu
diskutieren, noch wird die Rolle des Hirns erwaehnt. Nicht "weshalb"
Visionen sind (etwa als Ausdruck von Angst vor dem Sichtbaren), sondern
"auf welche Weise" sie als Visionen existieren, soll Thema sein: und
"welchen Beitrag zur Kultur kann diese Art von Okkultismus leisten?"
"Die Heiligen Buecher" der Propheten, z.B. von Aleister Crowley, sind fuer
deren Anhaenger Bewusstseinsveraendernde Schluessel. Crowleys "inspirierte"
Schriften entschluepfen ihrem Kokon als "himmlische" Kurzschrift und
Anleitung und werden mithilfe eines Wortklebers (der Kabbala als
"virtual reality") interpretiert. Sie werden fuer den magischen
Hausgebrauch symbolisch dekodiert und den bewusstseinserweiternden
Beduerfnissen angepasst. Dabei bleibt es unerheblich, ob Kreativitaet im
Austausch mit dem Phaenomen (z.B. Trance) entsteht, oder erst durch die
Beschaeftigung damit im Nachhinein. Imagination und Interpretation werden
austauschbare Indikatoren von Realitaet und "heiligen Bildern". Crowleys
Anhaenger nennen dies "magische Sukzession": auf den Visionen anderer
Anhaenger aufzubauende eigene Bewusstseinsveraenderungen. Die Kreativitaet,
die durch Visionen freigesetzt wird und das Kommunizieren darueber,
verdichten die Realitaet dieser Erfahrung und machen sie "heilig". Diese
Alchemie veraendert den Autoren und sein Text wird so ein "magisches
Kind": eine jenseitige Welt zum Vorzeigen in der diesseitigen. Dieses
Sichtbarwerden, das detailreich Trancebilder beschreibt, scheint
experimentell: verschiedene zusammenprallende Sichtweisen, abrupte
Assoziationsspruenge, sinnliche Erfahrungsfetzen kombinieren sich. Der
Okkultist scheint ueber keine wohldefinierte oder unzersplitterte
Persoenlichkeit mehr zu verfuegen (verglichen mit dem traditionellen
Konzept von "Ich").
Der undefinierbare Moment der Visionen bestimmt eine neue Funktionsweise
des Auges: ein Sehen, dass sich ueber alles Bekannte hinausdehnt, bis
kein Blick mehr sieht, was einfach ist. Ueberschuss an
erfahrungsrelevanter Unbestimmtheit und Ungenauigkeit (z.B. das Fehlen
einer Exegese eines Symboltraegers, wie "Baphomet") erlaubt dem nicht an
Dogmen gebundenen Okkultisten individuelle Relationen von Zeichen und
Bezeichnetem, neue Codes und eine neue Rhetorik zum Ziele neuer
Strukturen. Visionen werden menschliche Erweiterungen, um Gnosis "zu
erreichen", um im Pleroma aufzugehen. Durch Interpretationsbeduerftigkeit
entsteht ein Reflexionszuwachs, bei dem keine individuelle Urheberschaft
(oder Regulation durch ein Ordensoberhaupt) mehr noetig wird. Magische
Sukession ruft nicht nach einer stetigen Wiederholung staendiger
Inszenierbarkeit (wie z.B. beim OTO mit seinen Ritualen), sondern ist
eine Metapher fuer die Kontinuitaet von Illuminationsstrategien.
Als Organisator von in Trance erlebten Bildern, reflektiert der "freie"
Okkultist die archaische Schoepfungs-Idee des idealistischen
Aesthetizismus. Er loest materialistische Autorenschaft auf (aehnlich den
Konzepten von Marcel Duchamps oder Andy Warhol), indem er im
Trance-Zustand neu-organisiert, was schon existiert. Auf diese Weise
werden alte Traditionen zu einem neuen Ganzen zusammengeschmolzen.
Wie der Surrealismus, will der Okkultismus die Grenzen der rationalen
Philosophie und Logik (a la Descartes) aufbrechen. Okkultismus basiert
auf dem Glauben an "hoehere" Realitaeten von bestimmten Assoziatonsformen
mithilfe von Kabbala, dem Glauben an die Macht von Traum- und
Trancebildern und in den vom Intellekt unzensurierten Wortstrom. So
viele Stimmen, Farben und Materialien wie nur moeglich werden in der
Untergrundkultur des freien Okkultisten empfangen. Eine Euphorie von
Bildern und Stimmen bestimmt seine Identitaet und Reflexion. Wie jedes
Utopia bezieht auch dieses seine Energie aus der Sehnsucht nach einer
grenzenlosen Welt und enthuellt den archaischen Wunsch, einerseits Herr
ueber die eigene Welt zu werden und anderseits, den Ketten aller Welten
zu entfliehen. Gnosis verlangt nach einer Hinwegsetzung ueber die
Struktur des Lebens selbst.
Der Okkultist strebt nach Weltherrschaft und schwankt ambivalent
zwischen der Kulturzerstoerung (durch Widerstand gegen die herrschende
Moral) und der Erhaltung der Hoch- und Massenkultur (da er deren
magische Tradition benoetigt). Es gibt keine ebenbuertige signifikante
Alternative zu diesem absoluten Anspruch. Deshalb strauchelt der
Okkultist transzendental zwischen kultureller Anziehung und der
Hoffnung, die existierende Kultur zu zerstoeren.
Die Durchdringung mit aesthetischer und/oder libertiner Eksase zelebriert
heutzutage neue Kulte. Verglichen werden kann dies mit der Geschichte
des spirituellen Okzidents (kabbalistische Enzyklopaedien der Renaissance
und der humanistische Glaube an das Gute und Soziale). "Wer spricht denn
hier?" bringt uns zu der Frage des okkulten Mechanismus von Stimmen und
Bildern. Dieses Thema muss von der kulturellen Frage separat behandelt
werden und bleibt nur von Bedeutung fuer die Rechtsabteilungen okkulter
Organisationen. In der Welt des "freien" Okkultisten (ordensunabhaengig)
ist alles von gleicher Bedeutung resp. Un-bedeutung. Als Subjekt ist er
von der Schwerkraft seiner Einzigartigkeit befreit und wird Plattform
fuer Einfluesse aller Art. Die Vermischung ist alles und wird ein
potentielles unerschoepfliches Reservoir an Zeichen. Die Sintflut von
Stimmen und Bildern wird von ihrem Empfaenger individuell entschluesselt.
Das okkulte Utopia versucht, sich als weltweites Netz vereinigter
Einzelindividuen zu realisieren und will die Gesellschaft und die Kultur
nachhaltiger veraendern als jede Art von Sozialismus. Dieses Netzwerk,
eine Art okkultes Internet, hebt jegliche geographische oder soziale
Distanz auf und entpuppt sich als Freiraum jenseits juristischer Grenzen
- trotz Gegenwehr verschiedener Vereinigungen und staatlichen
Organisationen, die Kontrolle ausueben wollen.
Es sind eher System-immanente Mechanismen, die der Effektivitaet und dem
Bluehen der okkulten Kultur Grenzen setzen.
Soll der Empfaenger (der Trance-Eindruecke) jede Vision und jede Stimme
akzeptieren, die er empfaengt? Soll er sich freiwillig Grenzen setzen,
indem er sich einer Auswahl von Impulsgebern aussetzt (z.B. okkulten
Organisationen oder Traditionen, wie z.B. Crowleys Thelema); oder soll
er bewusst sein eigenes Programm im esoterischen Supermarkt starten, das
universell gepluendert nur noch einen voellig entleerten Schatz voelliger
Subjektivitaet hinterlaesst?
Die Entwicklung okkulter Kultur wird von okkulten Organisationen (zB
O.T.O.) verhindert, da deren totalitaerer Anspruch an Kultur (so wie in
jeder kulturellen Gesellschaft) aus "Wiederholungen" von Ritualen,
Zeichen etc und wenig originellem Gedankengut oder Praxis besteht. Vom
Individuum wird erwartet, dass es sich in der kulturellen Wiederholung
findet, die Kreativitaet hemmt. Der oberste Visionaer (Chef-Idoeloge),
Bedeutungsgeber, Bildermacher- und benenner, eine Quelle moderner
okkulter Stroemungen ist Aleister Crowley (selbsternannter Fuehrer einer
O.T.O.-Version). Seine visionaere Blaupause wird von seiner defizitaeren
Biographie ueberschattet. Crowley starb 1947 und wird nun kontrolliert
von selbsternannten Copyrightsinhabern: einer O.T.O.-Gruppe von 1977, die
angibt wie die Lust- und Koerperbeduerfnisse zu kontrollieren sind.
Besonders zeigt sich diese Koerper-und Bewusstseinskontrolle in der
rigorosen dogmatischen Anwendung dessen, was Crowley in der euphorischen
Trance an vorgefertigen Bildern und Anweisungen als dogmatische Rezeptur
hinterliess (z.B, "729 = Baphomet") und der Reduzierung von Sexualitaet
auf religioes verbraemte ritualisierte Sexualmagie. Sinnlichkeit wird ein
Theaterkrieg kultureller Erzeugung. Die bewusste Selbstversklavung
(kontrolliert durch die Copyrightsinhaber der okkulten Doktrin) dient
als radikaler Gegenentwurf zur Mainstream-Kultur. Unterwerfung unter das
okkulte Dogma wird als Bereich der Befreiung interpretiert - obwohl die
angestrebte Ego-Aufloesung sich als Produkt eines Ueberich herausstellt.
Der Okkultist versteht sich zugleich als Rebell und Narzist, der sich
innerhalb und gleichzeitig ausserhalb der vorherrschenden Kultur stellt.
Seine dogmatisierte Bilderverehrung (z.B. To Mega Therion) definiert
sich als ein Bilderbann (z.B. in der Ablehnung des Christentums oder
jeglicher Kritik). Er versteht sich als Teil einer Elite, und als
reflektierender Psychopath will er sich selbst neu erschaffen. Manche
gehen sogar so weit, ihr genetisches und familiaeres Material mithilfe
okkulter Praktiken bewusst steuern und veraendern zu wollen. Der Koerper,
insbesondere der Kopf, wird nicht nur als metaphorischer Sitz von
Wahrnehmung und Denken mehr definiert, sondern als Nervenschaltpult, an
dem alle durchstroemenden Informationen wie am Mischpult neu koordiniert
werden koennen (siehe P.R. Koenig: "Abramelin & Co.").
Der Okkultist ist einzig an der Intensitaet seiner Erfahrungen
interessiert. Okkulte Kultur meint auch den Untergang linearen Denkens.
Der so moeglicherweise eingegrenzte Daseins-Raum dient als Metapher fuer
den Verlust von Referenz und Bedeutung. Deshalb stranden solche okkulten
Utopien: nur wenige Kultursuchende sind faehig, endgueltig mit der
Tradition und der Mainstream-Kultur zu brechen. Deshalb bleiben die
meisten Hard-core-Okkultisten in ihrer Hoffnung auf Erloesung stecken und
schwanken zwischen Erholung in der jenseitigen und in der dogmatisch
bedeutungslos zu seienden diesseitgen Welt. Entweder am Kuechentisch oder
im Ehebett. Dies nennen sie Gnosis - und sie wird von hierarchisch
strukturierten Organisationen im Vereinsregister kontrolliert, deren
Selbstreflektion sich als kritikimmunes selbstverweisendes System
enthuellt, das jegliche okkulte Subkultur unterdrueckt und laehmt. Selbst
dem angefressensten Romantiker duerfte es aufgegangen sein, dass der
Okkultismus keine Domaene von Originalitaet, Wahrhaftigkeit und Guete ist.
Dieses von Okkultisten unreflektierte Kommunikationssystem dient jedem,
der willens ist, es zu benuetzen. Deshalb manifestiert sich Okkultismus
meist in schon bestehenden Strukturen (z.B. machtorientierten
Organisationen wie O.T.O.), oder setzt sich in sozial-kulturellen Nischen
von Angst und Agressionen nieder ("Satanismus", "Geheimgesellschaften",
"Juedisch-Freimaurerische Weltverschwoerung"). Unzaehlige sich
konkurrierende Organisationen (zB O.T.O.-Gruppen) zeigen keinen Weg ins
gelobte Land des New Age des Aquarius auf: nur den Rueckzug auf
altbekannte Werte von Macht und Konsum in einem Universum, das sich dem
Kult von Objekten und religioesen Artefakten ausliefert (Sammler zahlen
Unsummen fuer Crowleys handgeschriebene Einkaufszettel).
Doppelbedeutungen werden Standard, Stimmung wird Programm,
Selbstwahrnehmung wird als kulturelle Leistung interpretiert und reine
Einbildung als Entdeckung. Dogmatisierung infantilisiert die Inhalte und
diejenigen, die Klarheit wollen, finden sich eingehuellt in Ritualen der
Selbstaufloesung, die das angestrebte Ziel nicht erfuellen.
Im heutigen Zirkus der Weltbilder entpuppt sich der Okkultismus als eine
Weiterfuehrung von Moden, Gewohnheiten und Manieriertheiten sich selbst
darzustellen: als eine Pseudo-Originalitaet. Die kulturelle Realitaet des
Okkultisten weist auf den symbolischen Zusammenbruch der Bilder und
deren Reduzierung auf hierarchisch geordnete Signale hin. Erleben,
Aufzeichnen und Verarbeiten werden bewusstseinsausloeschend auf
vorgefertigte Bilder reduziert. Der Schritt vom Finden zum Erfinden wird
methodisch-mathematisch aufgeruestet. Crowley und seine Anhaenger
betaetigen sich als archaische Bastler an den Nahtstellen der
Verstrickungen zwischen einer sichtbaren und unsichtbaren Welt, wo sich
Unerhoertes aus dem unergruendlichen Reich mitteilen will. Dies wird auch
mit dem Motto von Crowleys Zeitschrift "The Equinox" ausgedrueckt: "Die
Methode Wissenschaft - Das Ziel Religion."
Das Milieu des Templer Reichs - Die Sklaven Sollen Dienen. Hanns Heinz Ewers - Lanz von Liebenfels - Karl Germer, Arnoldo Krumm-Heller - Martha Kuentzel - Friedrich Lekve - Hermann Joseph Metzger - Christian Bouchet - Paolo Fogagnolo - James Wasserman. Unbequeme Aspekte in der Geschichte von O.T.O. und Thelema